Junge Menschen berichten von ihrer Teilnahme an Demonstrationen für das Recht auf Wohnen in verschiedenen Teilen des Landes. Sie erleben unmittelbar, welche Schwierigkeiten die rasant steigenden Immobilienpreise verursachen.
Von der WG mit einem Bad für 12 Personen zurück in die Heimat
Sérgio ist 27, stammt aus Vila Real und hat bereits an mehreren Adressen gelebt. Mit 18 ging er nach England, um Biomedizinische Wissenschaften zu studieren. Das erste Studienjahr schloss er mit Auszeichnung ab, brach das Studium jedoch später ab. Vor etwa acht Jahren zog er nach Lissabon, um Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen zu studieren. Die Wohnungskrise war damals noch nicht derart absurd wie heute. Seine Mutter war allerdings bereits verstorben, sein Vater verdiente allein das Geld, und die einzig leistbare Unterkunft, die er fand, war eine WG: 12 Studierende lebten in sechs Zimmern und teilten sich ein einziges Bad.
Nebenbei hatte er unterschiedlichste Jobs. Schon mit 16 arbeitete er bei einer Fast-Food-Restaurantkette, später bei Festivals und in Bars – er machte von allem etwas. In Lissabon wurde er schließlich Barkeeper. Kurz darauf ergab sich die Chance, nach Porto zu ziehen. Zunächst mietete er ein Zimmer in einer Wohnung am Campo 24 de Agosto. Die Erfahrung würde er jedoch niemandem empfehlen. „Der Vermieter war schwierig, in der Wohnung gab es Ratten, und der Vertrag wurde letztlich nicht verlängert.“ Danach teilte er eine Wohnung mit einer Freundin. „Wir zahlten 650 Euro, also 325 pro Person, plus Nebenkosten. Die Wände wirkten wie aus Karton, das war eine frustrierende Lebenserfahrung.“ Noch frustrierender wurde es, als die Miete weiter stieg und er nach einer Alternative suchen musste – in einer Stadt, in der die Mietpreise binnen fünf Jahren um mehr als 76% gestiegen waren.
„Ich habe beschlossen auszuziehen, bevor ich noch tiefer drinstecke, denn ich stand zwischen einer Miete, die stieg, stieg, stieg, und einem Gehalt, das ach, ach, ach.“ Nach langer Suche ohne Erfolg – zumindest fand er nichts, das nicht völlig unerschwinglich gewesen wäre – war er gezwungen, an seinen Ausgangspunkt zurückzukehren. „In Porto kann man sich unmöglich bewegen“, sagt er resigniert. Heute lebt er bei seinen Großeltern in Vila Real und arbeitet freiberuflich bei Hochzeiten und anderen Veranstaltungen. Deshalb wird die Notwendigkeit auszuwandern immer dringlicher. „Ich muss mich darauf vorbereiten. Hier kommt eine Schwierigkeit nach der anderen. Der Arbeitsmarkt, die Lebenshaltungskosten, das Wohnen. Man weiß nicht mehr, was man noch tun soll. Das Problem ist, dass man sogar zum Auswandern sparen muss.“
Es gab für ihn also mehr als genug Gründe, sich den Protesten in Porto anzuschließen, sobald er verstand, was dort geschah; er gehört der Pressegruppe an. In der Nacht zum 15. Oktober war er auf der Praça de D. João I, als die PSP gegen Demonstrierende vorging. Auch er sei angegriffen worden, obwohl er lediglich „friedlich, friedlich“ gerufen habe. Einschüchtern lässt er sich dennoch nicht. Sérgio ist Mitglied des Linksblocks, betont aber, ausschließlich als Privatperson zu protestieren – im Namen von Menschen, denen es „viel schlechter“ gehe als ihm. Für sie will er standhaft bleiben.
„Es wäre schön, nach Hause zu kommen und mein eigenes kleines Reich zu haben“
Tiago wurde in Rio Mau geboren, einer Gemeinde im Bezirk Penafiel, rund 35 Kilometer von Porto entfernt. Viele Jahre wohnte er mit seinen Eltern und Großeltern zusammen. Seine Eltern konnten nie Wohneigentum erwerben, und für ihn sieht die Zukunft kaum besser aus. Als er zum Studium nach Porto ging – er studierte Kommunikation an der Lusófona-Universität –, gewöhnte er sich an endlose Wege. Täglich fuhr er hin und zurück, stets mit öffentlichen Verkehrsmitteln, und allein für Fahrkarten gab er etwas mehr als hundert Euro aus.
Nach seinem Studienabschluss versuchte er vergeblich, eine Stelle in seinem Fachbereich zu finden. Er arbeitete in der Rechnungsabteilung eines Privatspitals. Weil ihn die Perspektiven im Land so entmutigten, wanderte er anschließend in die Schweiz aus und arbeitete dort ein halbes Jahr lang als Reinigungskraft. Doch das Heimweh belastete ihn sehr: Ihm fehlte das Zusammensein mit Familie und Freunden. Er kam zu dem Schluss, dass es keinen Sinn habe, sich so früh im Leben einem solchen Opfer auszusetzen, und kehrte zurück. Der Preis dafür war hoch. „Es war extrem schwierig, Arbeit zu finden. Ich war lange in Einkaufszentrumsgeschäften tätig, mit befristeten Verträgen, bekam Arbeitslosengeld, und dann ergab sich die Möglichkeit, in dem Restaurant zu arbeiten, in dem ich heute bin.“
Zunächst blieb er bei seinen Eltern und pendelte weiter täglich – wie zu Studienzeiten, nur mit höheren Kosten, weil er spät Schluss machte und dann keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr fuhren. „Allein für Treibstoff und Maut zahlte ich mehr als 300 Euro.“ Dazu kam die Erschöpfung durch das tägliche Hin- und Herfahren, Woche für Woche. Als sich schließlich die Gelegenheit bot, ein Zimmer zu mieten, zögerte er nicht. „Derzeit zahle ich 300 Euro für das Zimmer. Im Vergleich zu den Kosten, die ich schon für die täglichen Autofahrten hatte, erschien es mir sinnvoller, fünf Gehminuten von der Arbeit entfernt zu wohnen und für ein Zimmer zu zahlen.“
Die Lösung ist trotzdem alles andere als ideal. „Es wäre schön, nach Hause zu kommen und mein eigenes kleines Reich zu haben, ohne dass mich jemand stört. Oder meine Eltern zum Essen einladen zu können – das tue ich derzeit nicht, weil ich weiß, dass immer Leute in der Wohnung sein werden.“ Doch seine finanzielle Rechnung lässt solche Wünsche nicht zu. Er verdient etwas mehr als tausend Euro, die Einzimmerwohnungen, die er gesehen hat, „liegen bei rund 800 Euro“. Zusätzlich müsste er zwei Kautionen und eine Monatsmiete bezahlen sowie eine Bürgschaft vorweisen – das wäre „unmöglich“. Daher entschied er sich für das „am wenigsten schlechte“ Szenario.
Mit den fehlenden Perspektiven will er sich jedoch nicht abfinden. Deshalb schloss er sich der Protestkundgebung „vom ersten Tag an“ an. „Anfangs ging ich für eine Weile hin und fuhr dann wieder weg. Inzwischen habe ich Urlaub und schlafe dort. Dieses neue [Miet-]Gesetz verschlimmert alles, die Politiker machen, was sie wollen, und das darf nicht sein. Diese Situation nimmt uns jede Erwartung. Ich war schon im Ausland und überlege, wieder wegzugehen. Hier gibt es keine Hoffnung, die Bestand hätte.“
Mit sechs Menschen unter einem Dach und eine verzweifelte Familie
Mit 20 Jahren erlebte Adriana Lima, die aus Porto stammt, wie ihre Eltern ein Haus kauften, größer träumten und auf ein besseres Leben hofften. Die Zuversicht verflog jedoch rasch. Finanzielle Probleme kosteten sie das Haus und den Traum. Ihr Vater starb einige Zeit später, und ihre Mutter war von da an gezwungen, zur Miete zu wohnen. 2020 wagte Adriana selbst den Schritt in die Selbstständigkeit. Sie zog mit ihrem Partner in eine Zweizimmerwohnung, sie adoptierten eine Hündin – dem Gefühl, ein eigenes Zuhause zu haben, kam sie damit so nahe wie nie zuvor. Dann endete die Beziehung, eine Wohnung zu mieten wurde unmöglich, und sie zog wieder zu ihrer Mutter.
Dazwischen schloss sie ihren Master in Lehramt ab, arbeitete eine Zeit lang in Lernzentren und fand mehr als ein Jahr lang keine Anstellung. Im Jänner erhielt sie schließlich eine Stelle an einer Schule in Cascais und wusste, dass sie die Gelegenheit nutzen musste, selbst wenn sie dafür eine Wohnung teilen müsste. „Obwohl ich überdurchschnittlich verdiene, war es unmöglich, eine Einzimmerwohnung zu mieten.“ Deshalb mietete sie für 550 Euro ein Zimmer und teilte sich die Wohnung mit einer weiteren Person.
Im April musste sie nach Lissabon umziehen, wodurch sich die Lage verschärfte: Heute zahlt sie 600 Euro und lebt mit sechs Personen in einer Wohnung. „Das verlangt viel Planung. Manchmal koche ich mein Abendessen schon um fünf Uhr nachmittags, weil ich weiß, dass die Küche später besetzt sein wird. Und wir haben nicht einmal ein Wohnzimmer. Einen großen Teil meiner Zeit verbringe ich im Zimmer.“ Weil sie die Wohnung teilte, musste sie ihre Hündin bei ihrer Mutter zurücklassen; im Sommer starb das Tier. „Ich habe das Gefühl, dass man mir ihre letzten Lebensmonate geraubt hat“, bedauert sie.
In 300 Kilometern Entfernung geht es ihrer Mutter und ihrer Schwester nicht besser. Sie wohnten in einer gemieteten Dreizimmerwohnung für 700 Euro im Monat, erhielten jedoch im Dezember die Mitteilung, dass sie ausziehen müssten. Da sie keine Wohnung derselben Größe zu einem leistbaren Preis fanden, waren sie gezwungen, in eine sehr kleine Zweizimmerwohnung umzuziehen. „Meine Mutter arbeitet, meine Schwester studiert und hat einen Teilzeitjob, ich helfe oft ebenfalls aus, und trotzdem reicht es für nichts Besseres. Meine Schwester ist 20 und muss das Zimmer mit ihrer Mutter teilen, das ist nicht würdig.“
Der Gedanke an die mittelfristige Zukunft macht ihr nur noch mehr Sorgen. „Meine Mutter ist eine Sorge für mich. Bald geht sie in Pension, und ich weiß nicht, was aus ihr werden soll.“ Als sie von der Protestkundgebung in Porto hörte, war ihr daher sofort klar, dass sie sich von Lissabon aus dem Kampf anschließen musste. Zuvor hatte sie bereits kurz Erfahrungen im Aktivismus gesammelt, betont aber, keiner Partei anzugehören. Sie treibt etwas anderes an: „Die Wohnungskrise raubt und zerstört unsere Träume. Ich habe Freunde, die Kinder bekommen möchten und es nicht können, und andere, die gezwungen sind auszuwandern. Es ist traurig, aus dem eigenen Land verdrängt zu werden.“
Wenn die Wohnungskrise „bereits bestehende Ungleichheiten“ verschärft
Für die 31-jährige Catarina Vitorino kommen zu den unleistbaren Immobilienpreisen weitere Hürden hinzu: Sie hat eine neuromuskuläre Erkrankung, die eine motorische Behinderung verursacht. Sie ist auf einen Rollstuhl angewiesen – und das wird zur großen Herausforderung, wenn sie eine Wohnung sucht.
„Da Coimbra eine historische Stadt ist, liegt der überwiegende Teil der Wohnungen in Gebieten, die sehr schwer zugänglich sind, mit Kopfsteinpflasterstraßen und unpassierbaren Gehsteigen. Eine barrierefreie und zugleich finanziell leistbare Wohnung zu finden, ist eine echte Herausforderung.“ Selbst Wohnungen, die für Menschen mit eingeschränkter Mobilität zugänglich seien, hätten „deutlich höhere Kauf- oder Mietkosten“, erklärt sie.
Als sie für ihr Studium nach Coimbra zog, wohnte sie zunächst eine Zeit lang in der Wohnung einer Freundin und zahlte nur eine symbolische Miete. Allein damit sie in die Wohnung gelangen konnte, waren jedoch zahlreiche Anpassungen notwendig. Als sie vor sieben Jahren für sich und ihre Mutter – die ebenfalls in die Universitätsstadt gezogen war, um ihr zu helfen – einen anderen Wohnort suchen musste, war die Aufgabe noch weitaus schwieriger. „Es war sehr schwer, etwas zu finden. Es gab keine barrierefreien Wohnungen zu einem Preis, den ich bezahlen konnte.“
Mittlerweile ist ihre Miete stark gestiegen und beträgt heute 700 Euro. Catarina kann sie nur dank der Unterstützung ihrer Familie bezahlen. „Von 2020 bis 2025 hatte ich ein Doktoratsstipendium, mit einem niedrigen, aber stabilen Einkommen. Jetzt befinde ich mich beruflich in einer unsichereren Situation, mit unregelmäßigen Forschungsprojekten.“
Seit Jahren nimmt Catarina regelmäßig an unterschiedlichen Protesten teil. Seit 2020 gehört sie dem Vorstand der Vereinigung Zentrum für Unabhängiges Leben an, die für die Umsetzung der Menschen- und Bürgerrechte von Menschen mit Behinderungen kämpft. Dazu gehört selbstverständlich auch das Recht auf ein würdiges Zuhause. Deshalb ist sie auch regelmäßig bei den Wohnprotesten auf der Praça 8 de Maio in Coimbra dabei.
„Ich habe beschlossen, mich den Demonstrationen anzuschließen, weil die Wohnungskrise eine zentrale Frage im Leben von Menschen mit Behinderungen ist und bereits bestehende Ungleichheiten verschärft hat. Ich gehe nicht nur für mich auf die Straße, sondern für alle Menschen mit Behinderungen, die in Einrichtungen eingeschlossen sind, weil der portugiesische Staat ihnen keine Alternativen bietet.“






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