Soziale Bindungen können über Überleben oder Zusammenbruch entscheiden. Stellen wir uns eine Welt nach dem Einschlag eines riesigen Asteroiden vor: Einige Menschen überstehen die Katastrophe, der Staub legt sich und der Planet kühlt allmählich ab.
Das Leben bliebe dennoch extrem gefährdet. Nicht nur Nahrung und Schutz würden fehlen, sondern auch die sozialen Verbindungen, auf die Menschen angewiesen sind, wären zerstört.
Es gäbe kein gemeinsames Wissen, keine Zusammenarbeit und keine Warnsysteme. Selbst wenn Überlebende vorhanden wären, könnte die Menschheit unbemerkt verschwinden. Genau dieses Risiko zeigt sich täglich auch in der Natur.
Viele Tiere benötigen kurze, einfache soziale Kontakte, um zurechtzukommen. Sie tauschen Informationen über Nahrung aus, warnen einander vor Gefahren und ziehen ihren Nachwuchs mitunter gemeinsam auf.
Fallen diese Kontakte weg, wird das Überleben schwieriger – auch wenn die einzelnen Tiere noch leben.
Lange gingen Forschende davon aus, dass ein Zusammenbruch sozialer Strukturen vor allem Tiere in engen, dauerhaften Gruppen bedroht. Neue Erkenntnisse deuten jedoch darauf hin, dass eine wesentlich größere Gruppe von Arten besonders verwundbar sein könnte, die bisher kaum unter diesem Gesichtspunkt betrachtet wurde.
Das Sozialleben ist wichtiger als bisher angenommen
Tiere nutzen soziale Kontakte auf oft unauffällige Weise. Ein kurzer Lautwechsel kann vor einem Raubtier warnen, das Folgen eines anderen Tieres zu Nahrung führen. Auch zeitweises Schwarm- oder Gruppenverhalten kann die Überlebenschancen verbessern, ohne dass dauerhafte Bindungen entstehen.
Schwierig wird es, wenn Populationen kleiner werden. Weniger Tiere bedeuten weniger Gelegenheiten für Begegnungen, wodurch die Vorteile des Soziallebens unbemerkt verloren gehen können. Dann kann es selbst gesunden Individuen schwerfallen, zu überleben und sich fortzupflanzen.
Eine aktuelle Studie zeigt, dass dieses Problem bei Tieren mit lockerem Sozialverhalten besonders gravierend sein könnte. Diese Arten leben nicht in stabilen Gruppen, sind aber dennoch auf regelmäßige Interaktionen angewiesen.
Hirsche, Eichhörnchen, Meisen und viele Insekten gehören in diese Kategorie. Sie sind häufig, weit verbreitet und werden bei Überlegungen zum Aussterberisiko oft übersehen.
Neubewertung der am stärksten gefährdeten Arten
Die Forschenden erläutern, weshalb langjährige Annahmen irreführend sein könnten. Die Studie stammt von Wissenschaftlern der University of Colorado Boulder.
„Diese Erkenntnis kommt zu einem Zeitpunkt, an dem viele Wildtierpopulationen durch Klimawandel, Lebensraumverlust und Ausbeutung schrumpfen oder zersplittern“, sagte der leitende Studienautor Michael Gil.
„Wir liefern einen neuen Rahmen, um vorherzusagen, welche Arten besonders anfällig für einen Zusammenbruch sind, damit wir Risiken besser einschätzen können.“
Die Untersuchung knüpft an Ideen an, die fast 100 Jahre zurückreichen. Der amerikanische Ökologe Warder Clyde Allee zeigte, dass Tiere in größeren Gruppen oft besser zurechtkommen – ein Muster, das heute als Allee-Effekt bekannt ist.
Größere Gruppen gehen häufig mit besserem Überleben und mehr Nachwuchs einher. Bei Tieren, die in festen Gruppen leben, hat sich diese Annahme gut bestätigt.
Bei Arten wie Erdmännchen führen mehr Gruppenmitglieder oft zu höherem Fortpflanzungserfolg und besserem Schutz.
Warum sich manche Arten erholen
Das Rätsel begann, als Forschende etwas Ungewöhnliches beobachteten: Bei einigen stark sozialen Tieren führten Populationsrückgänge nicht zwangsläufig zu geringeren Überlebenschancen.
Afrikanische Wildhunde sind ein Beispiel dafür. Sinken ihre Bestände, organisieren sich die verbliebenen Tiere häufig neu und bilden neue Gruppen. Rudelgröße und Überlebensraten können dabei erstaunlich stabil bleiben.
Diese Fähigkeit zur Neuformierung wirkt wie ein Sicherheitsnetz. Verlieren diese Tiere Partner, suchen sie aktiv nach neuen. Das Sozialleben bleibt somit erhalten, selbst wenn die Population einen Rückschlag erleidet.
Samantha Rothberg, Erstautorin der Studie, promoviert am Department of Ecology and Evolutionary Biology.
Rothberg wies darauf hin, dass Gruppenmitglieder mehr Unterstützung erhalten können, wenn eine Gruppe aus mehr Individuen besteht.
„Wir Menschen können das nachvollziehen, weil wir stark von den Informationen profitieren können, die uns die Menschen um uns herum geben.“
Gefährdung locker sozialer Arten
Tiere mit lockerem Sozialverhalten reagieren ganz anders. Sie halten keine festen Gruppen aufrecht und ersetzen verlorene Gefährten nicht. Soziale Kontakte entstehen, wenn die Umstände es ermöglichen, und nicht, weil die Tiere gezielt danach suchen.
Gehen Populationen zurück, nehmen auch diese Begegnungen ab. Weniger Zusammentreffen bedeuten weniger geteilte Informationen und weniger kooperative Momente. Mit der Zeit können die Überlebensraten noch weiter sinken.
„Wenn man Individuen entfernt, entfernt man nicht nur diese Individuen aus der Population, sondern auch die Vorteile, die sie den überlebenden Individuen verschafft haben. Das erzeugt eine Rückkopplungsschleife“, sagte Rothberg.
Diese Rückkopplungsschleife kann eine Population in Richtung Zusammenbruch treiben, selbst wenn Nahrung und Lebensraum weiterhin vorhanden sind. Die Gefahr ist subtil und wird leicht übersehen.
Ein wachsendes weltweites Problem
Der Zeitpunkt dieser Forschung ist bedeutsam. Wildtierpopulationen auf der ganzen Welt gehen rasch zurück.
Laut World Wildlife Fund sind die weltweiten Wildtierpopulationen in den vergangenen 50 Jahren um mindestens 73% geschrumpft. Viele Fachleute bezeichnen dies inzwischen als das sechste Massenaussterben.
Im Zentrum dieses Rückgangs steht menschliches Handeln. Lebensraumverlust, Übernutzung und Klimawandel zerteilen Populationen weiterhin.
Fragmentierung verringert nicht bloß die Zahl der Tiere. Sie durchtrennt auch die unsichtbaren Fäden, die Tiere miteinander verbinden.
„Ich schaue gerade aus meinem Fenster, und dort sitzen ein paar Vögel auf Ästen. Sie verhalten sich sozial. Doch diese Interaktionen von Moment zu Moment nimmt man leicht als selbstverständlich hin. Nun erkennen wir, dass sie in ihrer Gesamtheit darüber entscheiden können, ob eine Population überlebt oder zusammenbricht“, sagte Gil.
Die vollständige Studie erschien in der Fachzeitschrift Trends in Ecology & Evolution.






Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen