Mehrere Studien deuten darauf hin, dass Psilocybin – der Wirkstoff in sogenannten Magic Mushrooms – bei der Behandlung verschiedener psychischer Erkrankungen hilfreich sein könnte.
Weitgehend ungeklärt ist jedoch, was dabei auf Ebene der „funktionellen Hirnnetzwerke“ geschieht: jener Kommunikationswege, über die unterschiedliche Hirnregionen miteinander verbunden sind.
Um dies genauer zu untersuchen, scannten Forschende der Washington University School of Medicine in St. Louis die Gehirne von sieben gesunden Teilnehmenden wiederholt – vor, während und nach der Einnahme von Psilocybin. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie kürzlich in Nature.
Das Gehirn jeder teilnehmenden Person wurde im Durchschnitt 18-mal untersucht. Die fMRT-Scans, welche Veränderungen des Blutflusses im Gehirn erfassen, zeigten: Die Verbindungen innerhalb etablierter Hirnnetzwerke waren gestört, während die Kommunikation zwischen diesen Netzwerken zunahm.
Anders ausgedrückt: Unter Psilocybin wird die übliche Informationsverarbeitung im Gehirn unvorhersehbarer. Das psychedelische Gehirn gerät in einen ungeordneteren Zustand.
Psilocybin und funktionelle Hirnnetzwerke
An dieser neuen Studie gibt es vieles, das überzeugt. Besonders bemerkenswert sind ihre sorgfältige Durchführung und die hohe Qualität der Forschung.
Wer selbst schon eine fMRT-Studie durchgeführt hat, weiss, wie zeitaufwendig und kostspielig sie ist. Dazu kommt die Herausforderung, mit Teilnehmenden umzugehen, die sich gerade in einem psychedelischen Rauschzustand befinden. Positiv hervorzuheben ist auch, dass die Studie eine „aktive Kontrolle“ – ein stimulierendes Medikament – einsetzte.
In den Tagen und Wochen nach der psychedelischen Erfahrung beobachteten die Forschenden anhaltende Veränderungen in den Verbindungen zwischen dem Hippocampus, einem für das Kurzzeitgedächtnis wichtigen Hirnbereich, und dem Default-Mode-Netzwerk. Dieses Netzwerk aus Hirnregionen ist aktiv, wenn Menschen ruhen und ihre Aufmerksamkeit nicht auf die Aussenwelt richten.
Solche kurzfristigen Veränderungen könnten den neuroplastischen – also die Formbarkeit des Gehirns betreffenden – und therapeutischen Wirkungen von Psilocybin zugrunde liegen. Damit fügt sich die Studie gut in das erneute Interesse an psychedelisch unterstützter Therapie zur Behandlung von Angstzuständen, Depressionen und Abhängigkeit ein.
Grenzen der Studie zur psychedelisch unterstützten Therapie
Da ausschliesslich gesunde Freiwillige untersucht wurden, bleibt allerdings offen, ob die Ergebnisse auf Patientinnen und Patienten übertragbar sind – also auf jene Menschen, die von einer Psilocybin-gestützten Psychotherapie profitieren könnten.
Zudem beruhte der Grossteil der Befunde auf wiederholten Beobachtungen von lediglich sechs Teilnehmenden, da eine Person die Studie abbrach. Angaben zu früheren Erfahrungen dieser Personen mit Psychedelika fehlen. Dadurch besteht das Risiko eines „Selektionsbias“, was die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf eine breitere Bevölkerung zusätzlich einschränkt.
Weitere Probleme begrenzen die Schlüsse, die aus der Untersuchung gezogen werden können. Zwar verwendete die Studie ein aktives Placebo und nicht bloss eine wirkungslose Zuckerpille. Es wurde jedoch nicht berichtet, ob die Teilnehmenden und Forschenden nach Beginn des Experiments erkennen konnten, ob Psilocybin oder ein Placebo verabreicht worden war.
Das ist sehr wahrscheinlich und stellt in Psychedelika-Studien ein häufiges Problem dar: Aufgrund der psychoaktiven Wirkung von Psilocybin funktioniert das Doppelblindverfahren – bei dem weder Forschende noch Teilnehmende wissen, wer das tatsächliche Medikament und wer ein Placebo erhält – schlicht nicht zuverlässig.
Das ist problematisch, weil frühere Forschung zeigt, dass auch Placeboeffekte mystische Erfahrungen hervorrufen können.
Daher bleibt unklar, in welchem Ausmass die festgestellten Unterschiede in der Hirnaktivität allein auf das Medikament zurückgehen oder auch mit den Überzeugungen und Erwartungen der Teilnehmenden hinsichtlich der Psilocybin-Wirkung zusammenhängen.
Viele Autorinnen und Autoren geben Interessenkonflikte an. Das ist für sich genommen kein Warnsignal. Einige dieser Konflikte stehen jedoch in direktem Zusammenhang mit der Kommerzialisierung der in der Studie genutzten Neurotechnologien, etwa dem therapeutischen Einsatz präziser fMRT. Aus der Publikation geht zudem nicht hervor, wie das Risiko möglicher Verzerrungen verringert wurde.
Offenbar gibt es auch Abweichungen vom Studienprotokoll, also von den Methoden, primären Zielen und den Angaben in der Publikation. Ein sekundäres Ziel der Studie war beispielsweise, langfristige Veränderungen des Wohlbefindens der Teilnehmenden zu messen. Dafür sollte der Fragebogen zu anhaltenden Wirkungen eingesetzt werden.
Wären diese Ergebnisse berichtet worden, hätten sie etwas über die klinische Relevanz einer Psilocybin-Gabe aussagen können. Leider enthält die Publikation keine Daten aus diesem Fragebogen.
Offene Fragen
Auf den ersten Blick wirken die Veränderungen der Hirnmuster beeindruckend. Doch was diese aufwendigen Hirnbilder genau bedeuten, lässt sich nicht unmittelbar erkennen. Es fehlen subjektive Selbstauskünfte. Nur solche Daten können klären, was die Veränderungen der neuronalen Vernetzung tatsächlich widerspiegeln.
Wichtige offene Fragen lauten: Was bedeutet es für einen Menschen, wenn sein Gehirn ungeordneter wird? Und wie hängen die beobachteten Veränderungen der Hirnaktivität damit zusammen, wie Menschen sich fühlen und in ihrem Leben aufblühen?
Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir die Black Box der Neurowissenschaften öffnen – etwa durch neue Methoden, die es erlauben, die Lücke zwischen „objektiven“ Hirndaten und „subjektiver“ menschlicher Erfahrung zu überbrücken.
Erst wenn die Fremdartigkeit der subjektiven psychedelischen Erfahrung wieder in das Bild des Gehirns einbezogen wird, lässt sich beurteilen, ob es sich tatsächlich gelohnt hat, all diese Teilnehmenden so intensiv zu scannen.
Bis dahin sollten wir bei verzweifelten Patientinnen und Patienten keine überzogenen Hoffnungen wecken, nur weil farbenprächtige Bilder so überzeugend wirken.
Michiel van Elk, ausserordentlicher Professor für Kognitive Psychologie, Universität Leiden
Dieser Artikel wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.






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