Vögel sind für ihre Lautkommunikation bekannt, doch viele Arten verfügen auch über andere Ausdrucksformen. Manche verständigen sich etwa durch Tänze oder indem sie ihr Gefieder präsentieren.
Einer neuen Studie zufolge nutzt zumindest eine Vogelart zudem etwas, das bislang eher mit Menschen und Menschenaffen verbunden wurde: symbolische Gesten.
Japanmeise nutzt Flügelflattern als Geste
Die Japanmeise (Parus minor), ein Singvogel, setzt flatternde Flügelbewegungen als Signal für „bitte nach Ihnen“ ein, berichten die Studienautoren. Das ähnelt der menschlichen Geste, bei der jemand mit einer ausgestreckten offenen Hand einer anderen Person den Vortritt lässt.
Bei Japanmeisen tritt diese Geste offenbar ausschließlich innerhalb eines Brutpaares auf: Das Männchen oder Weibchen signalisiert dem Partner, zuerst in den Nistkasten zu gehen.
Nach Ansicht der Forschenden stellt diese Beobachtung die gängige Auffassung infrage, wonach symbolische Gesten vor allem beim Menschen und bei Menschenaffen verbreitet sind.
Bereits 2016 sorgte die Japanmeise für Aufmerksamkeit: Der Forscher Toshitaka Suzuki, der inzwischen an der Universität Tokio arbeitet, berichtete damals gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen über Hinweise auf kompositionelle Syntax in ihren Rufen. Die Fähigkeit, Kommunikationseinheiten zu Phrasen zusammenzufügen, war das erste bekannte Beispiel dieser Art bei einer wild lebenden Tierart.
Die ausgefeilte Lautkommunikation der Vögel brachte die Forschenden dazu, weitere mögliche Kommunikationswege zu untersuchen, erklärt Suzuki, der die neue Studie gemeinsam mit seinem Kollegen Norimasa Sugita von der Universität Tokio verfasst hat.
„Seit mehr als 17 Jahren beschäftige ich mich mit der Erforschung dieser faszinierenden Vögel“, sagt Suzuki. „Sie verwenden nicht nur bestimmte Rufe, um bestimmte Bedeutungen zu vermitteln, sondern verbinden unterschiedliche Rufe mithilfe syntaktischer Regeln auch zu Phrasen.
„Diese vielfältigen Lautäußerungen veranlassten mich dazu, ihre mögliche Nutzung körperlicher Gesten zu erforschen“, ergänzt er.
Lange ging man davon aus, dass ausschließlich Menschen gestische Kommunikation verwenden. Untersuchungen an Menschenaffen wie Schimpansen und Bonobos zeigten jedoch später, dass auch sie diese Fähigkeit besitzen.
Neuere Studien hätten außerdem gezeigt, dass bestimmte Vögel und Fische einfache Körperbewegungen einsetzen, um beispielsweise auf ein interessantes Objekt hinzuweisen. Dabei handelt es sich um sogenannte deiktische Gesten, merken die Forschenden an.
Symbolische Gesten unterscheiden sich davon jedoch deutlich. Sie setzen anspruchsvollere kognitive Fähigkeiten voraus, und es gibt bislang kaum überzeugende Belege dafür, dass nichtmenschliche Tiere sie ohne Anleitung durch Menschen einsetzen.
Beobachtungen an brütenden Japanmeisen
Für die neue Studie beobachteten Suzuki und Sugita acht Paare von Japanmeisen mit insgesamt 16 einzelnen Elterntieren, die in Nistkästen brüteten.
Die Vögel bringen ihren Jungen regelmäßig Nahrung ins Nest und landen zunächst auf einem nahe gelegenen Ast. Weil die Öffnung des Nistkastens nur Platz für einen Vogel bietet, müssen sie einzeln hineingehen – ähnlich wie zwei Menschen, die gleichzeitig durch eine Tür wollen.
Die Forschenden werteten mehr als 320 Besuche der Japanmeisen-Eltern am Nest aus. Dabei erkannten sie ein wiederkehrendes Muster: Ein Elternvogel flatterte auf dem Ast mit den Flügeln, bevor der andere den Nistkasten betrat. Der flatternde Vogel ging anschließend als Zweiter hinein.
„Wir waren überrascht, dass die Ergebnisse viel eindeutiger waren, als wir erwartet hatten“, sagt Suzuki. „Wir beobachteten, dass Japanmeisen ihre Flügel ausschließlich in Anwesenheit ihres Partners flattern lassen und dass der Partner nach dem Beobachten dieses Verhaltens fast immer zuerst den Nistkasten betrat.“
Wie die Studie ergab, zeigten Weibchen diese Geste häufiger als Männchen. Dadurch veranlassten sie die Männchen, zuerst ins Nest zu gehen – unabhängig davon, welcher Vogel zuerst angekommen war.
Wenn das Weibchen bei der Ankunft am Nest nicht vor dem Männchen mit den Flügeln flatterte, betrat es den Nistkasten in der Regel selbst zuerst.
Nach Auffassung der Forschenden handelt es sich aus mehreren Gründen um symbolische Gesten: Das Flügelflattern trat nur in Gegenwart des Partners auf, endete, sobald dieser den Nistkasten betrat, und bewirkte ohne körperlichen Kontakt, dass der Partner zuerst hineinging.
Zudem richtete sich das Flattern an den Partner und nicht an den Nistkasten selbst, schreiben die Autoren. Damit unterscheide es sich von einer einfacheren deiktischen Geste wie dem Zeigen.
„Es gibt die Hypothese, dass das Gehen auf zwei Beinen dem Menschen eine aufrechte Haltung ermöglichte und dadurch die Hände für größere Beweglichkeit frei wurden, was wiederum zur Entwicklung von Gesten beitrug“, sagt Suzuki. „Wenn Vögel auf Ästen sitzen, sind ihre Flügel ebenfalls frei, und wir glauben, dass dies die Entwicklung gestischer Kommunikation fördern könnte.“
Die laufende Forschung liefere nicht nur Erkenntnisse darüber, wie Vögel kommunizieren, sondern auch darüber, wie Sprache grundsätzlich entsteht, ergänzt Suzuki.
„Wir werden weiterhin entschlüsseln, worüber Vögel mit Gesten, Lautäußerungen und deren Kombinationen kommunizieren“, sagt er. „Dieses Vorhaben ermöglicht uns nicht nur, die reiche Welt der Tiersprachen zu erschließen, sondern ist auch ein entscheidender Schlüssel zum Verständnis der Ursprünge und der Evolution unserer eigenen Sprache.“
Die Studie wurde in Current Biology veröffentlicht.






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