Vögel zählen zu den am gründlichsten erforschten Tieren der Welt. Dennoch haben Biologinnen und Biologen eines ihrer bevorzugten Nahrungsmittel viel zu lange übersehen.
Kot.
Tatsächlich verschlingen viele Vogelarten die klebrige Substanz gern – mit möglicherweise weitreichenden, bislang unterschätzten Folgen für ihre Gesundheit. Ihre Vorliebe für Exkremente könnte sogar ein entscheidender Grund dafür sein, weshalb Vögel über Kontinente hinweg und über Millionen Jahre so widerstandsfähig geblieben sind.
Das Fressen von Kot ist bei Insekten, Säugetieren und einigen Heimvögeln wie Papageien gut dokumentiert. Bei wildlebenden Vögeln steckt die Forschung dazu allerdings noch in den Kinderschuhen.
In einer kürzlich veröffentlichten Facharbeit fasste ein Forschungsteam unter der Leitung der Umweltmikrobiologin Alice Dunbar von der University of South Australia zusammen, was über „dieses kaum verstandene Verhalten“ bisher bekannt ist und welche Vorteile es bieten könnte.
Kot als Nahrung für Vögel
In den vergangenen rund zwanzig Jahren beobachteten Forschende weltweit Strauße, Schneehühner, Enten, Kreuzschnäbel, Sturmvögel, Geier, Elstern und Teichhühner dabei, wie sie – bildlich gesprochen – mit den Zehen im Kotglas standen.
Einige dieser Vögel fressen die Ausscheidungen ihrer eigenen Art. Andere scheinen exotischere Exkremente zu bevorzugen, etwa Hundekot, Walkot, Kot von Fischottern, Pumas oder Rindern, Robbenkot sowie die Hinterlassenschaften anderer Vogelarten.
Kot findet sich überall – und Vögel nutzen dieses Angebot offenbar aus.
Wie die Forschenden vermuten, könnte das Schlucken von Ausscheidungen nützliche Bakterien im Vogeldarm wieder ins Gleichgewicht bringen, ähnlich wie Stuhltransplantationen beim Menschen wirken.
So füttert der Afrikanische Strauß seinen Nachwuchs beispielsweise mit den eigenen Exkrementen. Eine Studie aus dem Jahr 2023 zeigte, dass sich das Darmmikrobiom frisch geschlüpfter Küken schneller entwickelt, wenn sie Zugang zu frischem Kot haben.
Kotbeutel und die Ernährung von Jungvögeln
Kot ist jedoch keineswegs nur eine Delikatesse für Jungtiere. In den vergangenen Jahren wurden erwachsene Bülbüls, Rotkehlchen, Drongos, Spottdrosseln, Florida-Buschhäher und Amerikanische Krähen dabei beobachtet, wie sie den Kot ihrer eigenen Nachkommen fraßen.
Wenn ein Elternvogel seinen Nestlingen Futter bringt, erhält er für die harte Arbeit also einen kleinen schmackhaften Happen zurück.
@tednewy Kreislauf der Natur: Der Kot des Jungvogels wurde vom Muttervogel gefressen. #Rußkopfbülbül #Jungvogel #Vogelfütterung #ElterlicheHingabe #Fütterungskreislauf #Nährstoffkreislauf #EffizienzDerNatur #NichtsVerschwenden #Nestlingsnahrung #GeheimnisseDerNahrungskette #NachhaltigeElternschaft ♬ Originalton – Tednew
Ähnlich wie bei einem Pez-Spender drehen sich die Jungen um und drücken einen „Kotbeutel“ aus ihrem After, den das Elterntier aufnimmt und verschluckt – fast so einfach, wie man einem Baby ein Zuckerl wegnimmt. Der Beutel ähnelt einem kleinen Knödel und dient im Grunde als Windel für Küken, die das Nest noch nicht verlassen können. Mahlzeit.
@tednewy Wenn einer dieser Jungvögel Kot absetzt, richtet er seinen After auf das Elterntier, damit dieses den Beutel von hinten greifen und fressen oder wegfliegen kann, um das Nest sauber zu halten. Solange Jungvögel sehr klein sind, ist ihr Verdauungssystem noch zu schwach, um einen großen Teil ihrer Nahrung zu verdauen. Deshalb enthält ihr Kot viele unverdaute Nährstoffe. Im Wesentlichen erzeugen sie beim Koten einen gesunden Snack für ihre Mutter. Mit zunehmendem Alter werden die Bakterien in ihrem Darm jedoch kräftiger, weshalb die Eltern den Kot ihrer Küken nicht mehr fressen. #JungeRotkehlchen #Vogelnest #Vogelfütterung #Jungvogel #Nest #Vogelleben #Vogelvideografie #Vogelbeobachtung #Natur #Vogelwelt #Vogelnatur #Wildtiere #VögelaufTikTok #Vogelliebe #Vogelfreund #Vögel #Vogel #Vogelwelt #Vogelliebhaber #Burung ♬ Originalton – Tednew
Dieses bemerkenswerte Verhalten ist bislang erschreckend wenig erforscht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermuten, dass es zur Sauberkeit des Nests beitragen könnte. Ebenso wäre denkbar, dass erwachsene Vögel dadurch Nährstoffe und Mikroben zurückgewinnen, die sie durch die anstrengende Jungenaufzucht verloren haben.
Bei einer Studie aus dem Jahr 2020 über den Riesenbülbül fanden Forschende in den Kotbeuteln frisch geschlüpfter Küken besonders viele Bakterien der Gruppe Firmicutes. Diese Bakterien sind ein wichtiges Merkmal des Darms vieler Vogelarten.
Nährstoffe und Darmgesundheit durch Dung
Neben der Unterstützung der Darmgesundheit könnte das Fressen von Dung Vögeln auch helfen, sich an einen Mangel verfügbarer Nährstoffe anzupassen. Weissflügel-Kreuzschnäbel sollen etwa Fischotterkot fressen, weil dieser unverdaute Knochen aus Kalzium enthält. Riesensturmvögel wiederum fressen vermutlich Robbenkot, da er eine energiereiche und leicht verfügbare Nahrung darstellt – besonders nach längeren Fastenzeiten während des Brütens und Warmhaltens der Eier.
All das sind jedoch bislang nur Hypothesen. Warum Vögel Kot fressen, wird sich erst sicher klären lassen, wenn die Wissenschaft dieses Verhalten gezielt untersucht.
„Detaillierte Untersuchungen, um die möglichen Vorteile des [Kotfressens] im Zusammenhang mit unterschiedlichen Lebensphasen, variierendem Ressourcenbedarf und unterschiedlicher Ressourcenverfügbarkeit voneinander zu trennen, werden dringend benötigt“, folgern die Forschenden.
Die Studie erschien in Biological Reviews.






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