Bis Sie diesen Artikel zu Ende gelesen haben, wird mindestens eine Art auf unserem Planeten für immer verschwunden sein.
Für ein gesundes Lebensumfeld sind Menschen auf eine grosse Vielfalt an Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen angewiesen. Forschungen zeigen, dass der anhaltende Verlust der Biodiversität – also der Vielfalt des Lebens auf der Erde – eine Bedrohung für die Existenz der Menschheit darstellt.
Eine Studie, die meine Kolleginnen, Kollegen und ich durchgeführt haben, geht über diese Erkenntnis hinaus. Wir konnten nachweisen, dass Biodiversität auch für das psychische Wohlbefinden von Menschen eine entscheidende Rolle spielen kann.
Frühere Untersuchungen belegen, dass der Kontakt mit der Natur dem psychischen Wohlbefinden zugutekommt, besonders bei Menschen in Städten. So ist etwa das Risiko, an den weltweit zwei häufigsten psychischen Erkrankungen – Depressionen und Angststörungen – zu erkranken, bei Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohnern, die in der Nähe von Grünflächen leben, um 71% geringer.
Die meisten dieser Studien haben allerdings nicht untersucht, in welchem Mass diese Vorteile von der natürlichen Vielfalt abhängen.
Um diese Forschungslücke zu schliessen, prüften wir, ob Umgebungen mit einer Fülle natürlicher Elemente – darunter Bäume, Pflanzen, Gewässer und wild lebende Tiere – stärkere Vorteile für die psychische Gesundheit bieten als Orte mit einer geringeren Vielfalt an Naturelementen.
Von April 2018 bis September 2023 erhoben wir mithilfe der App Urban Mind Daten, die die Erfahrungen der Nutzenden mit dem Leben in städtischen und ländlichen Gebieten erfasst. 1,998 Personen reichten im Tagesverlauf 41,000 Einschätzungen zu ihrer Umgebung und ihrem psychischen Wohlbefinden ein.
Wir stellten fest, dass Grünflächen mit hoher natürlicher Vielfalt grössere Vorteile für die psychische Gesundheit bringen als solche mit geringer Vielfalt. Die Teilnehmenden führten fast ein Viertel dieses positiven Effekts auf die natürliche Vielfalt zurück – und berichteten, dass die Vorteile bis zu acht Stunden anhalten können.
Verwilderung und Wohlbefinden
Die Ergebnisse unserer Studie deuten darauf hin, dass sich der Nutzen der Natur für das psychische Wohlbefinden durch den Schutz und die Förderung der Biodiversität in unseren Naturräumen maximieren lässt.
Das bedeutet, sich von stark gestalteten kleinen Grünbereichen abzuwenden – etwa von angelegten Gärten und Parks mit gemähtem Rasen, die üblicherweise mit geringer Biodiversität verbunden sind. Stattdessen sollten Räume wie wilde Wiesen und Gewässer gefördert werden, die einer breiten Palette von Pflanzen und Tieren einen attraktiveren Lebensraum bieten.
Unsere Erkenntnisse stimmen mit anderen Studien über die positiven Auswirkungen vielfältiger natürlicher Lebensräume auf die psychische Gesundheit überein. Eine kürzlich durchgeführte Befragung von 15,000 Haushalten ergab, dass Menschen, die in der Nähe von Naturgebieten mit vielen Pflanzen- und Vogelarten leben, seltener psychische Probleme angeben – selbst wenn soziale und wirtschaftliche Unterschiede zwischen den Teilnehmenden berücksichtigt werden.
Unsere Studie erweitert diese Evidenz, indem sie zeigt: Um die Vorteile der Biodiversität für die psychische Gesundheit zu erleben, müssen wir nicht über einen längeren Zeitraum neben einer vielfältigen Grünfläche wohnen. Tatsächlich können bereits kurze, zufällige tägliche Begegnungen mit biodiverser Natur positive Wirkungen entfalten.
Anregung für die Sinne
Natur kann die psychische Gesundheit auf viele Arten unterstützen, insbesondere dann, wenn sie biodivers ist.
Biodiverse Natur bietet den Sinnen mehr Anregung. Das kann die Konzentration verbessern, geistige Ermüdung verringern und kognitive Ressourcen wie Gedächtnis und Aufmerksamkeitsspanne wiederherstellen. Zudem verbringen Menschen, die in oder nahe einem Naturraum leben, tendenziell mehr Zeit mit Bewegung oder sozialen Aktivitäten im Freien. Beides fördert die Ausschüttung von Endorphinen und anderen stimmungsaufhellenden Hormonen.
Vielfältige natürliche Umgebungen erfüllen ausserdem wichtige Funktionen bei der Verringerung von Schadstoffen und der Regulierung von Temperaturen. Dadurch tragen sie zum Schutz vor chronischen körperlichen Beschwerden wie Allergien und Asthma bei, senken zugleich das Stressniveau und stärken das psychische Wohlbefinden.
Die Wissenschaft ist daher eindeutig: Biodiversität ist nicht nur für die Gesundheit unseres Planeten unverzichtbar, sondern auch für die psychische Gesundheit der Menschen. Unsere Forschung zeigt, dass Biodiversität als Teil der lebenswichtigen Infrastruktur unserer Städte betrachtet werden muss.
Andrea Mechelli, Professor für Frühintervention bei psychischen Erkrankungen, King's College London
Dieser Artikel wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.






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