Nach hinten gerichtete Ohren erzählen nicht die ganze Geschichte. Bei der Beobachtung von 36 Pferden in natürlichen Begegnungen stellten britische Forschende fest, dass Bewegungen von Maul, Nüstern, Kopf und Augen ein regelrechtes Gesichtsvokabular bilden. Damit lassen sich Situationen der Aufmerksamkeit, des Spiels, der Gelassenheit und einer möglichen Aggression unterscheiden.
Wie entschlüsselten die Forschenden die Gesichtsausdrücke?
Das mit der University of Portsmouth in Hampshire verbundene Team wertete rund 72 Stunden Videomaterial von Hauspferden aus. Mithilfe des Systems EquiFACS, das sichtbare Bewegungen mit der Gesichtsmuskulatur verknüpft, erfassten die Wissenschaftler 805 Beobachtungen und ordneten 22 Verhaltensweisen freundlichen, spielerischen, aggressiven oder aufmerksamen Interaktionen zu.
Entscheidend war, dass sie natürlich auftretende Situationen untersuchten, ohne Angst oder Frustration künstlich auszulösen. Statt nach einem einzelnen Ausdruck für jede Emotion zu suchen, erstellten die Forschenden eine Übersicht von Kombinationen und deren Intensität. So zeigte sich, dass dieselbe Bewegung je nach Körperhaltung und Situation etwas anderes bedeuten kann.
Welche Signale zeigen Pferde bei einer Bedrohung?
In aggressiven Begegnungen traten häufiger flach nach hinten angelegte Ohren, geweitete Nüstern, angehobene innere Bereiche der Augenbrauen und ein tiefer gehaltener Kopf auf. Dieses Zusammenspiel kann auf eine Konfrontationsabsicht hindeuten und Pflegerinnen, Pflegern sowie Reiterinnen und Reitern ermöglichen, Anspannung zu erkennen, bevor daraus eine gefährliche Reaktion wird.
Diese Hinweise sind jedoch keine unfehlbare Formel. Ein einzelnes zurückgedrehtes Ohr kann schlicht bedeuten, dass das Pferd auf ein Geräusch hinter sich achtet. Die zentrale Erkenntnis lautet daher, dass das Gesicht als Ganzes gelesen werden muss – unter Einbeziehung des Abstands zwischen den Tieren, der Körperbewegungen und der Ereignisse in ihrer Umgebung.
Was unterscheidet Aufmerksamkeit, Freundschaft und Spiel?
Je nach Art der Begegnung fanden die Forschenden unterschiedliche Muster. In freundlichen Momenten blieb das Gesicht häufig neutral – entgegen der Annahme, ein zufriedenes Pferd habe stets nach vorne gerichtete Ohren. Aufmerksamkeit und Spiel führten dagegen zu deutlich sichtbaren Kombinationen, wie diese Beispiele zeigen:
- Aufmerksamkeit mit nach vorne und zueinander gerichteten Ohren.
- Erkundungsverhalten zusammen mit Veränderungen der Kopfposition.
- Spiel mit offenem Maul, angehobenem Kinn und auseinandergezogenen Lippen.
- Freundliche Interaktion mit nach vorne gestrecktem Maulbereich.
- Aggression mit flach angelegten Ohren, geöffneten Nüstern und tief gehaltenem Kopf.
Besonders auffällig war der beim Spiel beobachtete offene Mund, weil er an Signale bei Primaten und einigen Fleischfressern erinnert. Diese Geste kann dabei helfen zu verdeutlichen, dass eine intensive Handlung kein echter Angriff ist. Die Ähnlichkeit legt nahe, dass bestimmte Gesichtsausdrücke evolutionär weit zurückreichende Wurzeln bei Säugetieren haben könnten.
Sehen Sie sich das vom YouTube-Kanal André G. Cintra veröffentlichte Video an, in dem einige Verhaltensweisen und Bedeutungen bei Pferden erläutert werden.
Lässt sich genau erkennen, was ein Pferd empfindet?
Die Studie erweitert die Möglichkeiten, den emotionalen Zustand von Pferden zu deuten, liefert aber keinen perfekten Übersetzer. Gesichtsausdrücke geben Hinweise auf Absicht und Bereitschaft, müssen jedoch gemeinsam mit Haltung, Umgebung und Vorgeschichte des Tieres beurteilt werden. Wer etwa spielerische Erregung mit Aggressivität verwechselt, erkennt das Risiko daran, nur auf Maul oder Ohren zu achten.
Die Wissenschaftler identifizierten zudem eine bei dieser Art bislang nicht dokumentierte Gesichtsbewegung, die mit einer seitlichen Anspannung des Gesichts verbunden ist. Der Fund könnte die Forschung zu Tierwohl und Schmerzen unterstützen sowie Vergleiche zwischen Arten ermöglichen. Als Nächstes soll geprüft werden, wie sich diese Muster zwischen einzelnen Tieren, Altersgruppen und unterschiedlichen Haltungsbedingungen unterscheiden.
Warum ist es wichtig, das Gesicht von Pferden lesen zu lernen?
Frühe Anzeichen für Unbehagen, Wachsamkeit oder Konflikte zu erkennen, kann die Haltung verbessern und gefährliche Situationen für Tiere und Menschen verringern. Zugleich hilft es, vereinfachte Deutungen aufzugeben, etwa nach hinten gerichtete Ohren automatisch mit Wut gleichzusetzen. Je umfassender die Beobachtung ausfällt, desto eher lässt sich sicher und respektvoll auf das Pferd reagieren.
Die Untersuchung macht das Pferdegesicht zu einer Informationsquelle, die nicht länger übersehen werden kann. Für alle, die mit Pferden leben oder arbeiten, ist die Botschaft dringlich: Beobachten Sie, bevor Sie das Tier berühren, führen oder auf einer Tätigkeit bestehen. Wer diese Kombinationen heute lesen lernt, kann morgen Angst, Konflikte und Leid verhindern.






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