Zum Inhalt springen
Nachrichten

Wie Kinder über Schlangen denken und warum Sprache zählt

Kind und Lehrerin lernen gemeinsam mit Schlangenillustrationen und Schlangen im Terrarium im Klassenzimmer.
In diesem Artikel
  1. Warum Einstellungen gegenüber Schlangen wichtig sind
  2. Vermenschlichen Kinder Schlangen?
  3. Das Bilderbuch-Experiment mit Schlangen
  4. Eine überraschende Wendung
  5. Einfache Begegnungen bewirken eine Veränderung
  6. Respektvolle Sprache und einfache Bildung

Eine neue Studie mit mehr als 100 Kindern im Kindergartenalter legt nahe, dass viele Kinder über Schlangen anders denken als über andere Tiere.

Die Forschenden stellten fest, dass negative Bemerkungen über Schlangen – oder selbst eine nüchterne, objektähnliche Sprache über sie – Kinder dazu bringen können, sie als stärker „andersartig“ und weniger nahbar wahrzunehmen.

Die positive Nachricht: Die Untersuchung deutet auch darauf hin, dass sich diese Negativität mit wenig Aufwand abschwächen lässt. Einfache Begegnungen mit Schlangen und grundlegendes Wissen über sie können helfen.

Laut Studienmitautor Jeff Loucks von der Oregon State University ist diese Arbeit bedeutsam, weil Schlangen wichtige Funktionen in Ökosystemen erfüllen, zugleich jedoch besonders in westlichen Kulturen weit verbreitet unbeliebt sind.

Diese Abneigung bleibt nicht bloss eine persönliche Vorliebe. Sie kann beeinflussen, ob Menschen den Schutz von Schlangen und ihren Lebensräumen unterstützen.

Warum Einstellungen gegenüber Schlangen wichtig sind

Schlangen werden in vielen Kulturen abgelehnt, doch bislang ist nicht vollständig geklärt, wie Kinder Angst und Ekel gegenüber einem Tier entwickeln, dem sie möglicherweise kaum begegnen.

Die Konsequenzen sind erheblich. Dem Artikel zufolge sind mindestens 450 der mehr als 4.000 bekannten Schlangenarten einem erhöhten Aussterberisiko ausgesetzt.

Trotzdem fällt die öffentliche Unterstützung für den Schutz von Schlangen oder die Wiederherstellung ihrer Lebensräume meist gering aus – vermutlich, weil die Abneigung gegen sie so stark ist.

„Die Kindheit ist eine entscheidende Zeit für die Entwicklung der Einstellungen und Verhaltensweisen einer Person gegenüber Tieren“, sagte Loucks. „Schlangen haben in westlichen Gesellschaften einen sehr schlechten Ruf und werden häufig missverstanden.“

Loucks verweist auf frühere Forschung, nach der Schlangen bei einem grossen Teil der Bevölkerung Angst auslösen und negative Einstellungen ihnen gegenüber in den USA verbreitet sind.

Er nennt zudem einen besonders düsteren Befund: „Daten zeigen, dass es bei US-Autofahrern üblich ist, absichtlich einen Umweg zu fahren, um eine Schlange zu überfahren.“

Damit stellt sich die Frage: Wo beginnt diese ausgeprägte Feindseligkeit?

Vermenschlichen Kinder Schlangen?

Loucks und die Studienleiterin Denée Buchko von der University of Regina wollten prüfen, wie Kinder Schlangen gedanklich einordnen. Sehen Kinder Schlangen als den Menschen ähnlich, anderen Tieren ähnlich oder eher unbelebten Dingen ähnlich?

Dafür setzten die Forschenden eine sogenannte Induktionsaufgabe ein. Mit dieser Methode lässt sich sichtbar machen, für wie ähnlich Kinder verschiedene Kategorien halten.

Im Mittelpunkt der Studie standen 5-Jährige, ihre Eltern, Bilder von Schlangen und die Sprache, mit der Schlangen beschrieben wurden.

Dabei ging es sprachlich nicht nur darum, ob Erwachsene sagten: „Schlangen sind gruselig.“ Entscheidend war auch, ob Schlangen als fühlende Lebewesen oder als Gegenstände dargestellt wurden.

Das Bilderbuch-Experiment mit Schlangen

Im ersten Teil des Projekts sahen Eltern gemeinsam mit ihrem Kind ein Bilderbuch über Schlangen an. Anschliessend lasen die Forschenden den Kindern eine Geschichte über einen Tag im Leben einer Schlange vor. Die Geschichte lag in zwei Fassungen vor.

In einer Fassung wurde die Schlange eher wie ein Objekt behandelt: Es wurde das Pronomen „es“ verwendet, und Hinweise auf Gefühle oder Gedanken der Schlange fehlten.

Die andere Fassung verwendete stärker vermenschlichende Sprache: Für die Schlange stand das Pronomen „sie“, zudem enthielt der Text Verweise auf Gedanken und Gefühle.

Die Ergebnisse legen nahe, dass Sprache die Denkweise von Kindern tatsächlich beeinflussen kann. Verwendeten Eltern negative Formulierungen über Schlangen, neigten Kinder stärker dazu, Schlangen als von Menschen verschieden zu betrachten.

Auch das Bilderbuch spielte eine Rolle: Objektivierende Sprache zeigte einen ähnlichen Effekt und rückte Schlangen gedanklich weiter von der Kategorie „menschenähnlich“ weg.

Eine überraschende Wendung

Ein Ergebnis überraschte die Forschenden. Selbst wenn Kinder Schlangen klar von Menschen abgrenzten, hielten sie diese weiterhin für anderen nichtmenschlichen Tieren ähnlich.

Das mag wie ein nebensächliches Detail klingen, ist jedoch relevant. Es weist darauf hin, dass viele Kinder Schlangen nicht in dieselbe Kategorie wie Steine oder Spielzeug einordnen.

Kinder verstehen, dass Schlangen Tiere sind – allerdings Tiere, zu denen sie weniger leicht eine Beziehung herstellen als zu anderen.

Danach führte das Team ein zweites Experiment mit einer anderen Kindergruppe durch. Dieses Mal verzichteten sie vollständig auf Bilderbuch und Geschichte und liessen die Kinder ausschliesslich die Induktionsaufgabe bearbeiten.

Dadurch veränderte sich das Muster. Ohne diese kurze Auseinandersetzung mit Schlangen hielten die Kinder Schlangen weder Menschen noch anderen Tieren für ähnlich.

Anders gesagt: Ohne jede Vorbereitung rückten Schlangen in eine eigene gedankliche Kategorie – nicht menschlich, nicht ganz „ein Tier wie die anderen“, sondern einfach anders.

Einfache Begegnungen bewirken eine Veränderung

Mit einer neuen Kindergruppe setzten die Forschenden erneut Bilderbuch und Geschichte ein und fanden wieder das frühere Muster: Die Kinder sahen Schlangen anderen Tieren ähnlich, jedoch nicht Menschen.

Diese Wiederholung stützte die Annahme, dass bereits einfache Begegnungen beeinflussen können, wie Kinder Schlangen kategorisieren.

Die Begegnung führte nicht auf magische Weise dazu, dass Kinder Schlangen als „wie Menschen“ betrachteten. Sie schien Schlangen jedoch wieder in die Welt der „Tiere“ zurückzuholen, statt sie in einer unangenehmen Kategorie des „Anderen“ zu belassen.

„Es scheint, dass 5-jährige Kinder, zumindest aus westlichen Kulturen, dazu neigen, Schlangen als sehr verschieden von anderen Tieren zu betrachten, und dass negative sowie objektivierende Sprache dazu beitragen könnte“, sagte Loucks.

„Aber ein gewisser Kontakt mit Schlangen und das Lernen über ihre biologischen Bedürfnisse können wie eine Impfung gegen negative Einstellungen gegenüber Schlangen wirken, was Fürsorge und Respekt für diese Tiere fördern kann.“

Respektvolle Sprache und einfache Bildung

Die Studie behauptet nicht, dass ein einziges Bilderbuch die Angst vor Schlangen beseitigt. Sie vermittelt jedoch eine hoffnungsvolle Botschaft: Einstellungen könnten früher geprägt werden, als uns bewusst ist, und kleine Veränderungen in Sprache und Begegnung könnten entscheidend sein.

Wenn Eltern fortwährend sagen: „Igitt, Schlangen sind grauslich“, oder über Schlangen sprechen, als wären sie gedankenlose Gegenstände, können Kinder diese Sichtweise übernehmen, bevor sie jemals einer Schlange tatsächlich begegnen.

Umgekehrt kann eine ruhige Darstellung von Schlangen als lebenden Tieren mit eigenen Bedürfnissen verhindern, dass Kinder automatisch Ekel entwickeln.

Das ist auch für den Artenschutz von Bedeutung. Es ist schwierig, ein Tier zu schützen, dem Menschen nichts als Hass entgegenbringen.

Wenn sich diese Einstellungen bereits in der frühen Kindheit formen, könnten respektvolle Sprache und einfache Bildung ein unauffälliges, aber wirkungsvolles Mittel sein, um bereits gefährdete Arten zu schützen.

Die Forschung wurde in der Fachzeitschrift Anthrozoös veröffentlicht.

Neueste Artikel

Katharina Leitner

Katharina Leitner ist diplomierte Office-Managerin und seit über zwölf Jahren im Assistenz- und Sekretariatswesen tätig. Sie spezialisiert sich auf moderne Büroorganisation, professionelle Kommunikation, Terminmanagement und digitale Arbeitsabläufe. Ihr besonderes Interesse gilt der Weiterentwicklung des Sekretariatsberufs und effizienten Lösungen für den Arbeitsalltag.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen