Wahrscheinlich haben Sie sofort ein Bild vor Augen, wenn Sie an einen Vampir denken: ein blasses, untotes Wesen mit spitzen Fangzähnen, das Blut saugt und nur durch Sonnenlicht, religiöse Gegenstände und Knoblauch abgeschreckt wird. Diese unheimlichen Kreaturen sind beliebte Motive in Filmen und Büchern. Zum Glück existieren sie nur in der Fantasie – oder etwa nicht?
In der Welt der Fledermäuse gibt es tatsächlich Vampire. Von mehr als 1.400 derzeit beschriebenen Fledermausarten ernähren sich drei ausschließlich von Blut.
Die Gemeine Vampirfledermaus, Desmodus rotundus, ist davon die häufigste Art. Sie lebt in den Tropenwäldern Mittel- und Südamerikas und saugt Blut von unterschiedlichen Tieren, darunter Tapiren, Berglöwen, Pinguinen und heute besonders häufig von Nutztieren.
Eine Ernährung allein mit Blut ist für Säugetiere aussergewöhnlich. Deshalb haben diese Fledermäuse zahlreiche besondere Anpassungen entwickelt, die ihren ungewöhnlichen Lebensstil ermöglichen.
Anders als andere Fledermäuse können Vampirfledermäuse am Boden gut laufen. Sie wechseln zwischen zwei verschiedenen Gangarten, um ihre schlafende Beute zu umkreisen. Wärmerezeptoren an ihrer Nase helfen ihnen dabei, warmes Blut unter der Haut des Beutetiers aufzuspüren.
Schliesslich können sie dank eines kleinen Schnitts, den sie mit möglicherweise selbstschärfenden Fangzähnen setzen, sowie eines gerinnungshemmenden Stoffes in ihrem Speichel unbemerkt Blut saugen.
Für mich als Verhaltensökologe, der untersucht, wie Krankheitserreger soziale Verhaltensweisen beeinflussen und umgekehrt, sind die bemerkenswertesten Anpassungen an eine blutsaugende Lebensweise im Sozialleben der Vampirfledermäuse zu beobachten.
Vampirfledermäuse pflegen gegenseitige Beziehungen
Blut ist wenig nahrhaft, weshalb Vampirfledermäuse, die keine Nahrung finden, vergleichsweise rasch verhungern. Kehrt eine Fledermaus hungrig zu ihrem Schlafplatz zurück, würgen andere für sie eine Blutmahlzeit hervor, damit sie die Nacht übersteht.
Dieses Teilen von Nahrung findet sowohl zwischen verwandten Tieren – etwa Müttern und ihrem Nachwuchs – als auch zwischen nicht verwandten Individuen statt. Evolutionsbiologinnen und Evolutionsbiologen beschäftigt diese Beobachtung seit Langem. Weshalb sollte man jemandem helfen, mit dem man nicht eng verwandt ist?
Vampirfledermäuse merken sich offenbar, wer sie gefüttert hat, und erwidern diese Hilfe. Hat eine andere Fledermaus ihnen zuvor nicht geholfen, unterbleibt die Gegenleistung. So entstehen komplexe soziale Beziehungen, die durch günstige soziale Investitionen wie die Fellpflege eines anderen Tiers, das sogenannte Allogrooming, und durch aufwendigere Investitionen wie das Teilen von Nahrung aufrechterhalten werden.
Diese Beziehungen sind mit jenen von Primaten vergleichbar; manche Menschen setzen sie menschlichen Freundschaften gleich. Tatsächlich gibt es einige Parallelen.
Menschen erhöhen etwa schrittweise den Einsatz, wenn sie neue Beziehungen aufbauen. Zunächst investieren sie wenig – beispielsweise, indem sie einen Teil ihres Mittagessens teilen – und warten auf die Reaktion der anderen Person. Bleibt eine Erwiderung aus, könnte die Beziehung bereits scheitern.
Teilt die andere Person hingegen zum Beispiel etwas von ihrem Dessert, kann die nächste eigene Investition grösser ausfallen.
In einem wechselseitigen Spiel steigern Sie Ihren Einsatz nach und nach, bis die Freundschaft schliesslich grössere soziale Investitionen rechtfertigt – etwa wenn Sie einen Umweg in Kauf nehmen, um jemanden zur Arbeit zu bringen, weil dessen Auto kaputt ist.
Vampirfledermäuse verhalten sich genauso. Treffen sich fremde Tiere, beginnen sie mit kurzen gegenseitigen Fellpflege-Interaktionen, um die Lage auszuloten. Erwideren beide Partner diese Handlungen weiterhin und erhöhen ihren Einsatz, entwickelt sich die Beziehung schliesslich zum Teilen von Nahrung – einer deutlich grösseren Verpflichtung.
Beziehungen der Vampirfledermäuse in Krankheit und Gesundheit
Mein Labor erforscht, wie Infektionen soziale Verhaltensweisen und Beziehungen verändern. Wegen ihres breiten Spektrums sozialer Handlungen und der Komplexität ihrer sozialen Bindungen sind Vampirfledermäuse für meine Kolleginnen, Kollegen und mich ein ideales Forschungssystem.
Wie verändert Krankheit das Verhalten von Vampirfledermäusen? Wie reagieren andere Fledermäuse auf ein krankes Tier? Und welchen Einfluss hat Krankheit auf die Entstehung und den Erhalt ihrer sozialen Beziehungen?
In unserem Labor simulieren wir Infektionen, indem wir aus Krankheitserregern gewonnene Moleküle einsetzen, die eine Immunreaktion auslösen. Wiederholt haben wir eine Form passiver sozialer Distanzierung festgestellt: Kranke Tiere verringern ihre Kontakte zu anderen, sei es beim Allogrooming, bei sozialen Rufen oder einfach beim Aufenthalt in ihrer Nähe.
Wichtig ist, dass sich diese Verhaltensänderungen nicht zwingend entwickelt haben, um die Ausbreitung von Krankheiten auf andere zu begrenzen. Vielmehr gehören sie zu der komplexen Immunreaktion, die Biologinnen und Biologen als Krankheitsverhalten bezeichnen.
Das lässt sich mit einer Person vergleichen, die mit Grippe zu Hause bleibt, weil sie sich schlicht nicht fit genug fühlt, hinauszugehen. Selbst wenn sich diese passive soziale Distanzierung nicht zur Verhinderung einer Übertragung entwickelt hat, senkt allein die fehlende Kraft für soziale Kontakte dennoch die Verbreitung von Keimen.
Interessanterweise kann Krankheitsverhalten unterdrückt werden. Menschen tun das ständig. Als sogenannter Präsentismus gilt es, trotz Krankheit aufgrund unterschiedlicher Zwänge am Arbeitsplatz zu erscheinen.
Ähnlich unterdrücken viele Menschen Infektionssymptome, um einer sozialen Verpflichtung nachzukommen. Wer kleine Kinder hat, weiss: Wenn alle im Haushalt krank werden, kann man sich nicht einfach zurücklehnen und die Kleinen nicht versorgen – selbst wenn man sich selbst sehr schlecht fühlt.
Bei Tieren ist es nicht anders. Treten konkurrierende Bedürfnisse auf, etwa die Versorgung von Jungtieren oder die Verteidigung eines Reviers, können auch sie Krankheitsverhalten unterdrücken.
Obwohl kranke Vampirfledermäuse ihre sozialen Kontakte üblicherweise reduzieren, pflegen kranke Mütter weiterhin das Fell ihrer Nachkommen und umgekehrt. Wahrscheinlich liegt das daran, dass Mutter-Tochter-Beziehungen besonders wichtig sind. Innerhalb von Gruppen von Vampirfledermäusen sind Mütter und Töchter häufig die wichtigsten sozialen Partnerinnen füreinander.
Konflikte zwischen Menschen und Vampirfledermäusen drehen sich um Nutztiere
Trotz ihrer vielen faszinierenden Anpassungen und ihres komplexen Soziallebens werden Vampirfledermäuse nicht überall geschätzt. In vielen Regionen Süd- und Mittelamerikas gelten sie sogar als Schädlinge, weil sie das tödliche Tollwutvirus auf Nutztiere übertragen können. Dadurch können erhebliche wirtschaftliche Verluste entstehen.
Bevor Menschen Nutztiere in ihren Lebensraum brachten, hatten Vampirfledermäuse vermutlich grössere Schwierigkeiten, Nahrung in Form einheimischer Beutearten wie Tapiren zu finden. Heute sind Nutztiere ihre wichtigste Nahrungsquelle. Warum sollte man schliesslich nicht ein Tier anzapfen, das jede Nacht zuverlässig am selben Ort steht und in grosser Zahl vorhanden ist?
Mit zunehmender Zahl von Nutztieren wachsen auch die Populationen der Vampirfledermäuse, was das Problem der Tollwutübertragung vermutlich weiter verstärkt.
Die Konflikte der Landwirtinnen und Landwirte mit Vampiren sind nachvollziehbar, besonders bei kleineren Rinderherden: Schon der Verlust einer einzigen Kuh kann die Existenzgrundlage eines Betriebs deutlich beeinträchtigen. Bei Bekämpfungsaktionen wurden als Vampirizid bezeichnete, auf das Fell aufgetragene Gifte eingesetzt – im Grunde eine Mischung aus Vaseline und Rattengift.
Die Fledermäuse werden gefangen, die Paste wird auf ihr Fell gestrichen, und sie tragen sie zurück zum Schlafplatz. Dort nehmen andere Tiere das Gift bei sozialen Interaktionen auf. Grossangelegte Tötungsaktionen sind interessanterweise möglicherweise nicht besonders wirksam, um die Übertragung der Tollwut auf andere Arten zu verringern.
Der Schwerpunkt verlagert sich nun zunehmend auf grossflächige Impfungen von Rindern oder auf die Impfung der Vampirfledermäuse selbst.
Forschende ziehen sogar übertragbare Impfstoffe in Betracht: Sie könnten Herpesviren, die bei Vampirfledermäusen sehr verbreitet sind, gentechnisch so verändern, dass sie Tollwutgene tragen und damit grosse Teile der Populationen von Vampirfledermäusen immunisieren.
Unabhängig davon, welche Methode zur Verringerung der Konflikte zwischen Vampirfledermäusen und Menschen eingesetzt wird, kann mehr Mitgefühl für diese missverstandenen Tiere nur hilfreich sein.
Wenn Sie also einmal den Kopf in einen hohlen Baum voller Vampirfledermäuse stecken – vorausgesetzt, Sie ertragen den Geruch verdauten Blutes –, denken Sie daran: Sie blicken auf ein komplexes Netzwerk individueller Freundschaften zwischen Tieren, die sich sehr umeinander kümmern.
Sebastian Stockmaier, Assistenzprofessor für Ökologie und Evolutionsbiologie, University of Tennessee
Dieser Artikel wird unter einer Creative-Commons-Lizenz erneut von The Conversation veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.






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