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UN-Bericht warnt vor dem Kollaps wandernder Süßwasserfische

Frau kniet im Fluss mit Fischen, zeigt auf Tablet Wasserkarten, Bauhelm und Pläne am Ufer liegend.
In diesem Artikel
  1. Bedeutung weit über die Biodiversität hinaus
  2. Die zentralen Zahlen sind alarmierend
  3. Eine enorme Lücke beim weltweiten Schutz
  4. Wo der Druck am größten ist
  5. Südamerika erhält besondere Aufmerksamkeit
  6. Aktionsplan für wandernde Fische
  7. Das Problem der Lebensraumfragmentierung
  8. Was Regierungen konkret tun können
  9. Ein Problem, das buchstäblich übersehen wird

Bei spektakulären Tierwanderungen denken viele zuerst an Gnus, die durch die Serengeti rasen, oder an Vögel, die Ozeane überqueren.

Doch einige der längsten und bedeutendsten Wanderungen der Erde finden unter Wasser in Flüssen statt – und eine umfangreiche neue, von den Vereinten Nationen unterstützte Bewertung zeigt, dass sie rasch zusammenbrechen.

Der Bericht mit dem Titel Global Assessment of Migratory Freshwater Fishes wird von der UN-Konvention zur Erhaltung wandernder wildlebender Tierarten (CMS) auf der COP15 in Brasilien vorgestellt.

Er ist vor allem ein unüberhörbarer Weckruf zu einer Krise, die leicht übersehen wird, weil sie sich unter der Wasseroberfläche abspielt.

Wandernde Süßwasserfische sind massiv bedroht. Um sie zu schützen, müssen Staaten Flüsse als zusammenhängende Systeme behandeln und nicht als voneinander getrennte nationale Abschnitte.

Bedeutung weit über die Biodiversität hinaus

Wandernde Süßwasserfische sind nicht bloß ein Randthema des Naturschutzes. Sie halten Flüsse funktionsfähig, transportieren Nährstoffe, stützen Nahrungsnetze und bilden die Grundlage wichtiger Binnenfischereien, die Hunderte Millionen Menschen ernähren und ihren Lebensunterhalt sichern.

Viele dieser Arten sind nicht in dem Sinn „lokal“, wie man sich Flussfische häufig vorstellt. Ihr Lebenszyklus ist auf lange, ununterbrochene Wanderkorridore angewiesen: Strecken zwischen Laichgebieten, Nahrungsplätzen und Aufzuchtauen, die sich über Tausende Kilometer und mehrere Staatsgrenzen erstrecken können.

Genau das macht sie besonders anfällig. Wird ein Fluss durch Staudämme, veränderte Abflussregime, Verschmutzungsschwerpunkte und Überfischung in einzelne Teile zerschnitten, verlieren die Fische nicht nur Lebensraum. Sie verlieren die Möglichkeit, ihren Lebenszyklus zu vollenden.

Die zentralen Zahlen sind alarmierend

Die Bewertung vereint umfangreiche weltweite Datensätze mit IUCN-Beurteilungen von fast 15.000 Süßwasserfischarten.

Eine Zahl ist besonders schwer zu lesen: Die Bestände wandernder Süßwasserfische weltweit sind seit 1970 um etwa 81% zurückgegangen.

Zusätzlich hält der Bericht fest, dass nahezu alle (97%) der 58 in den CMS-Listen geführten wandernden Fischarten – darunter Süß- und Salzwasserarten – vom Aussterben bedroht sind.

Das ist keine Lage, bei der man „ein Auge darauf haben“ sollte. Es ist eine Lage, in der das System auseinanderbricht.

Eine enorme Lücke beim weltweiten Schutz

Der Bericht nennt außerdem 325 wandernde Süßwasserfischarten als Kandidaten für abgestimmte internationale Schutzmaßnahmen, zusätzlich zu den 24 Arten, die bereits unter CMS-Schutz stehen.

Diese Liste soll kein endgültiges Urteil über jede einzelne Art darstellen. Sie verdeutlicht vielmehr, wie groß der bisherige blinde Fleck ist.

Ein einzelnes Land kann diese Fische nicht wirksam schützen, denn viele von ihnen wandern durch gemeinsam genutzte Flusseinzugsgebiete.

Ist der Lebensraum flussaufwärts geschützt, aber ein Staudamm weiter unten versperrt den Durchgang, reicht das nicht aus. Führt ein Land nachhaltige Fischereiregeln ein, während ein Nachbarstaat darauf verzichtet, geht der Bestand dennoch zurück.

Die Botschaft des Berichts lautet daher: Ohne grenzüberschreitende Abstimmung werden diese Wanderungen weiterhin verloren gehen.

Wo der Druck am größten ist

Die Bewertung hebt große Flusseinzugsgebiete hervor, in denen Rückgänge und Risiken besonders dringend sind.

Genannt werden der Amazonas und La Plata-Paraná in Südamerika, die Donau in Europa, der Mekong in Asien, der Nil in Afrika sowie das Ganges-Brahmaputra-System auf dem indischen Subkontinent.

Diese Einzugsgebiete sind nicht nur ökologisch bedeutsam. Sie sind auch politisch komplex, weil zahlreiche Staaten beteiligt sind, unterschiedliche Ansprüche auf Wasser bestehen und die Infrastruktur stark ausgebaut wird.

Südamerika erhält besondere Aufmerksamkeit

Da die COP15 in Brasilien stattfindet, rückt der Bericht zwei riesige südamerikanische Flusssysteme besonders in den Mittelpunkt: den Amazonas und La Plata-Paraná.

Der Amazonas wird als eine der letzten großen Hochburgen für wandernde Süßwasserfische beschrieben. Der Bericht warnt jedoch, dass der Entwicklungsdruck rasch zunimmt.

Eine gemeinsam mit der Bewertung veröffentlichte Fallstudie identifiziert 20 wandernde Fischarten des Amazonas, die die Kriterien für eine mögliche Aufnahme in CMS-Anhang II erfüllen.

Dabei handelt es sich nicht um unbekannte Fische. Sie bilden das Rückgrat der Fischerei im Amazonasgebiet. Laut Bericht machen wandernde Fische rund 93% der Fischereianlandungen im Einzugsgebiet aus und stützen Fischereien mit einem geschätzten jährlichen Wert von US$436 million.

Aktionsplan für wandernde Fische

Manche Fische wandern über Distanzen, die beinahe unvorstellbar klingen, bis man sie gedruckt sieht. Ein Beispiel ist der Dorado-Wels (Brachyplatystoma rousseauxii), ein großer bodenlebender Fisch, der in der kommerziellen Fischerei geschätzt wird.

Seine Wanderung im Lebenszyklus umfasst etwa 11.000 Kilometer – von den Anden-Quellgebieten bis zu den küstennahen Aufzuchtgebieten. Sie wird häufig als die längste Süßwasserwanderung aller Fische bezeichnet.

Brasilien und andere Regierungen schlagen einen Mehrarten-Aktionsplan für wandernde Amazonas-Welse (2026–2036) vor, um diese Langstreckenwanderer durch regionale Zusammenarbeit zu schützen.

Brasilien beantragt zudem die Aufnahme des gefleckten Sorubim-Welses (Pseudoplatystoma corruscans) in CMS-Anhang II. Damit sollen Naturschutzbedenken im La-Plata-Becken berücksichtigt werden.

Das Problem der Lebensraumfragmentierung

Der Bericht tut nicht so, als wären die Ursachen rätselhaft. Die Belastungsfaktoren sind nur allzu bekannt.

Staudämme und andere Infrastruktur versperren Wanderwege und verändern die Abflussverhältnisse. Die Fragmentierung von Lebensräumen unterbricht die langen Korridore, die Fische benötigen. Verschmutzung beeinträchtigt die Wasserqualität. Überfischung entnimmt erwachsene Tiere schneller, als sich Populationen erholen können.

Der Klimawandel verändert zudem Flusstemperaturen, Niederschläge und die Dynamik von Auen. Für wandernde Fische sind diese saisonalen Rhythmen oft die Signale, die ihnen sagen, wann sie wandern müssen.

Entscheidend ist, dass diese Belastungen nicht getrennt voneinander auftreten, sondern sich überlagern. Eine Fischpopulation, die dem Fischereidruck möglicherweise standhalten könnte, kann zusammenbrechen, sobald Wanderwege blockiert werden.

Eine durch wärmeres Wasser belastete Population kann abstürzen, wenn Verschmutzung zusätzlich den Sauerstoffgehalt senkt und das Krankheitsrisiko erhöht.

Was Regierungen konkret tun können

Die Bewertung beschränkt sich nicht auf düstere Prognosen. Sie nennt Maßnahmen, die Regierungen sofort einsetzen können.

Der Bericht betont den Schutz von Wanderkorridoren und die Erhaltung ökologischer Abflüsse, damit Flüsse weiterhin wie Flüsse funktionieren und nicht nur wie Wasserleitungen. Er fordert Aktionspläne für ganze Einzugsgebiete sowie grenzüberschreitendes Monitoring. Denn wenn Staaten keine Daten austauschen, können sie nicht rechtzeitig reagieren.

Ebenso verweist er auf abgestimmtes saisonales Fischereimanagement. Das ist wichtig, weil der Fang von Fischen genau während ihrer Wanderung die Fortpflanzung eines ganzen Jahres zunichtemachen kann.

Die Grundidee des Berichts ist einfach: Wandernde Fische lassen sich nicht schützen, indem Flüsse als isolierte nationale Wasserwege bewirtschaftet werden. Es muss das gesamte vernetzte System gemanagt werden.

Ein Problem, das buchstäblich übersehen wird

„Viele der großen Tierwanderungen der Welt finden unter Wasser statt“, stellte der leitende Studienautor Zeb Hogan fest.

Die Fachleute betonten, dass es sich um eine zentrale Naturschutzpriorität handelt, der bislang nicht genügend Aufmerksamkeit zuteilwurde.

„Flüsse kennen keine Grenzen – und die Fische, die von ihnen abhängen, ebenso wenig“, sagte Michele Thieme von WWF-US.

Diese Krise liefert keine spektakulären Bilder. Flüsse sehen weiterhin wie Flüsse aus. Manche Fische werden noch immer gefangen. Doch die Wanderungsnetzwerke, die Süßwasserökosysteme am Leben halten, zerfallen. Sind diese Verbindungen erst verloren, ist ihr Wiederaufbau äußerst schwierig.

Deshalb ist diese Bewertung wichtig. Sie soll die Welt auf das aufmerksam machen, was unter der Wasserlinie geschieht, bevor diese Wanderungen nur noch in der Vergangenheitsform erwähnt werden.

Der Bericht und die dazugehörigen Dokumente sind hier zu finden.

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Katharina Leitner

Katharina Leitner ist diplomierte Office-Managerin und seit über zwölf Jahren im Assistenz- und Sekretariatswesen tätig. Sie spezialisiert sich auf moderne Büroorganisation, professionelle Kommunikation, Terminmanagement und digitale Arbeitsabläufe. Ihr besonderes Interesse gilt der Weiterentwicklung des Sekretariatsberufs und effizienten Lösungen für den Arbeitsalltag.

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