Die meisten Studien zu Bewegung finden im Labor statt. Freiwillige laufen auf Laufbändern, beantworten Fragebögen zu ihrer Stimmung und fahren anschliessend wieder nach Hause.
So erhalten Forschende kontrollierte Daten, doch was während des übrigen Alltags geschieht, bekommen sie nur selten mit.
Ein Team von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern wollte deshalb mehr als 8.000 Menschen durch ihren tatsächlichen Alltag begleiten: Ihre Bewegung wurde mit Sensoren am Handgelenk erfasst, während sie über das Smartphone regelmässig gefragt wurden, wie sie sich fühlten.
Die Ergebnisse überraschten die Forschenden.
Was Menschen in Bewegung bringt
Menschen zu mehr Bewegung zu motivieren, ist eine Herausforderung, die sich allein mit Wissen noch nie lösen liess.
Die Forschenden gingen der Frage nach, ob nicht Gesundheitsbotschaften, sondern die Stimmung Menschen tatsächlich vom Sofa aufstehen lässt.
Gemeinsam mit Partnern in Salzburg, Karlsruhe und Mannheim stellte das Team eine einfachere Frage: Wie fühlen sich Menschen vor und nach den kleinen Bewegungen eines gewöhnlichen Tages?
Professor Markus Reichert koordinierte das Projekt an der Ruhr-Universität Bochum (RUB).
Er untersucht seit Jahren körperliche Aktivität und Stimmung ausserhalb des Labors. Mit dieser Auswertung sollte ein seit Langem bestehendes Geflecht widersprüchlicher Befunde geklärt werden.
„Es ist seit Langem bekannt, dass körperliche Aktivität das Wohlbefinden positiv beeinflusst, doch bisher hatten wir dafür nur Belege aus Labor- und Querschnittsstudien“, sagte Reichert.
Einblick in die Meta-Analyse
Die Forschenden bündelten 67 einzelne Datensätze aus 14 Ländern. Sie werteten Angaben von 8.223 Teilnehmenden aus, die über ihre Smartphones 321.345 Stimmungsabfragen beantworteten.
Die Daten von Beschleunigungssensoren – am Handgelenk getragenen Geräten, die jede Bewegung aufzeichnen – lieferten zusätzlich beinahe eine Million Stunden an Messdaten.
Frühere Arbeiten, die das gleiche Team in einer Übersichtsarbeit erfasst hatte, waren zu uneinheitlichen Ergebnissen gekommen. Dieser Datensatz sollte für Klarheit sorgen.
Bewegung und Stimmung
Nach mehr Bewegung ging es den Menschen besser. Umgekehrt bewegten sie sich auch mehr, nachdem sie sich besser gefühlt hatten. Das zentrale Ergebnis weist daher in beide Richtungen, ohne dass eine davon eindeutig überwiegt.
Dieses Muster zeigte sich sowohl innerhalb einzelner Personen – an ihren besseren im Vergleich zu schlechteren Tagen – als auch zwischen den Teilnehmenden: Aktivere Menschen berichteten im Allgemeinen von besserer Stimmung als weniger aktive.
Erstmals liessen sich beide Wirkungsrichtungen mit umfangreichen Daten aus dem echten Leben bestätigen.
Energetische Aktivierung war beinahe universell
Ein Ergebnis hob sich deutlich von allen anderen ab. Mehr als 95 Prozent der Teilnehmenden fühlten sich vor oder nach körperlicher Aktivität energiegeladener. Eine derartige Einhelligkeit ist in diesem Forschungsbereich selten.
Forschende bezeichnen dieses Empfinden als energetische Aktivierung: wach, aufmerksam und bereit zu sein, etwas zu tun.
Zügiges Gehen statt Sitzen stand mit einem Anstieg um 0,62 Punkte auf einer 4-Punkte-Energieskala in Zusammenhang – der stärkste Ausschlag unter allen erfassten Stimmungswerten.
Emotionale Veränderungen nach Bewegung
In diesen Daten führte Bewegung nicht dazu, dass sich die Menschen ruhiger fühlten. Viele gaben vielmehr an, weniger ruhig zu sein.
Als das Team erfasste, wie entspannt sich die Menschen vor und nach einer Aktivität fühlten, entwickelte sich der Wert in die entgegengesetzte Richtung. Gehen statt Sitzen hing mit einem Rückgang um 0,22 Punkte auf einer 4-Punkte-Skala für Ruhe zusammen.
Negative Gefühle – Traurigkeit, Ärger und Angst – veränderten sich kaum. Nach dem Gehen fühlten sich Menschen nicht weniger ängstlich, und vor dem Hinsetzen nicht trauriger.
Ein Zusammenhang, der in vielen populären Wellness-Beiträgen eine grosse Rolle spielt, trat in diesen Daten nicht zutage. Auch dieses Ausbleiben ist auf seine Weise ein relevantes Ergebnis.
Forschende hatten lange angenommen, dass Aktivität negative Gefühle unmittelbar verringert. Die Daten aus Tausenden gewöhnlichen Alltagstagen stützen diese Annahme nicht – zumindest nicht auf Ebene eines direkten Effekts.
Stärkere emotionale Veränderungen könnten grössere Umfänge, längere Zeiträume oder andere Bewegungsformen benötigen.
Wer am meisten profitiert
Durchschnittswerte für Gruppen verdecken einen wichtigen Punkt: Die Menschen unterschieden sich, teils erheblich.
Ein kleiner Anteil der Teilnehmenden fühlte sich vor oder nach Aktivität sogar schlechter. Den grössten Nutzen hatten jene mit der niedrigsten Ausgangsstimmung.
„Unsere Studie zeigt auch, dass Personen mit geringem Wohlbefinden besonders von körperlicher Aktivität profitieren“, sagte Onur Güntürkün, Mitautor an der Ruhr-Universität Bochum.
Menschen, die anfangs die schlechteste Stimmung hatten, verzeichneten die grössten Verbesserungen. Das deutet darauf hin, wo der Nutzen besonders liegt: nicht bei den ohnehin Aktiven, sondern bei jenen, deren psychische Gesundheit stark belastet ist.
Weiterreichende Folgen der Studie
Die zentrale Erkenntnis lautet nicht, dass Bewegung gesund ist – das war bereits bekannt. Neu ist, dass derselbe beständige Effekt auch bei alltäglicher Bewegung auftritt und nicht nur bei geplantem Training.
Der Energieschub von 0,62 Punkten, der mit Gehen statt Sitzen verbunden war, zeigte sich nicht nur im Labor, sondern im gewöhnlichen Alltag.
Über Stimmungswerte hinaus lenken die Daten den Blick der Forschung auf die Biologie.
Neuere Arbeiten, darunter eine Studie aus dem Jahr 2022 dazu, wie Darmmikroben den Bewegungsdrang beeinflussen könnten, weisen darauf hin, dass unter den Stimmungswerten ein körperlicher Mechanismus liegen könnte.
Für Ärztinnen und Ärzte, die Menschen mit gedrückter Stimmung behandeln, ist dieser praktische Ansatz nun durch Daten aus dem Alltag besser untermauert. Damit spricht mehr dafür, jede Form von Bewegung zu verordnen.
„Unsere Aufgabe in den kommenden Jahren ist es nun, weitere persönliche und kontextbezogene Faktoren zu identifizieren, die die Unterschiede in den Zusammenhängen erklären können“, sagte Reichert.






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