An der Grenze, an der das Licht verschwindet und die Stille schwer wiegt, dokumentieren zwei französische Taucher etwas, das die Wissenschaft nur selten zu Gesicht bekommt.
In mehr als 140 Metern Tiefe entdeckt eine französische Expedition in einem wenig erforschten Gebiet Indonesiens einen lebenden prähistorischen Fisch. Der Fund stellt bisherige Annahmen über seine Lebensweise in der Tiefe infrage und rückt den Schutz extremer Meereslebensräume erneut in den Fokus.
Wissenschaftliche Suche in den Schatten der Molukken
Oktober 2024: Im Molukken-Archipel im Osten Indonesiens steigen die Franzosen Alexis Chappuis und Julien Leblond auf 140 bis 150 Meter ab. In diesem Tiefenbereich hat jeder Fehler gravierende Folgen, und der Aufstieg muss millimetergenau berechnet werden.
Mit geschlossenen Kreislauftauchgeräten, die die ausgeatmete Luft wiederaufbereiten, sowie technischer Kaltwasserausrüstung ausgestattet, suchen sie weder farbenprächtige Korallen noch grosse Räuber. Ihr Ziel ist vielmehr ein Phantom der Paläontologie: der Quastenflosser, ein Fisch, den viele Schulbücher noch immer als seit Millionen Jahren ausgestorben darstellen.
Nach einigen Minuten in einem fast schwarzen Blau wird die Umgebung felsig und zerklüftet, geprägt von Vorsprüngen und steilen Hängen. Genau nach einer solchen Topografie hatte Chappuis auf bathymetrischen Karten und in Temperaturmodellen des Meeresbodens gesucht.
Dann erscheint unvermittelt die Silhouette: ein kräftiger, dunkelblauer Körper mit hellen Flecken, der sich langsam über einem mit Schwämmen und Weichkorallen bewachsenen Felsen bewegt.
„Auf der Aufnahme flieht der Fisch nicht, versteckt sich nicht und wirkt nicht verängstigt. Er schwebt einfach dort, als wäre er schon immer da gewesen.“
Die Taucher beobachten das Tier einige Minuten lang – unter den extremen Bedingungen dieser Tiefe ein wissenschaftlich äusserst wertvoller Zeitraum. Am folgenden Tag kehren sie an dieselbe Stelle zurück und begegnen demselben Individuum wieder, das an seinem einzigartigen Muster weisser Punkte an den Flanken erkennbar ist.
Zwei Jahre Vorbereitung für wenige historische Minuten
Die Begegnung mag wie ein Glückstreffer wirken, doch improvisiert war die Expedition keineswegs. Zwei Jahre lang wertete Chappuis Seekarten, Temperaturdaten, Aufzeichnungen technischer Tauchgänge und Berichte örtlicher Fischer aus.
Ziel war es, kalte, tiefe und zerklüftete Bereiche zu finden, die jenen Lebensräumen ähneln, in denen Quastenflosser bereits in anderen Teilen der Erde gefilmt worden waren – etwa vor den Komoren und Südafrika.
Warum Tauchgänge in dieser Tiefe so gefährlich sind
- Der enorme Druck erfordert spezielle Gasgemische, präzise Planung und lange Dekompressionsstopps.
- Der Spielraum für Fehler ist minimal: Jedes technische Problem in 140 Metern Tiefe kann tödlich enden.
- Eingeschränkte Sicht und starke Kälte verkürzen die verfügbare Beobachtungszeit.
- Der logistische Aufwand ist hoch und verlangt Unterstützungsschiffe, ein Sicherheitsteam sowie redundante Ausrüstung.
Insgesamt absolvierte das Team mehr als 50 tiefe Tauchgänge, bevor es den exakten Fundort des Fisches erreichte. Die genaue Lage bleibt geheim, um das Risiko von ausbeuterischem Tourismus und gezieltem Fischfang zu verringern.
„Die Expedition stellt die erste detaillierte Beobachtung eines lebenden Quastenflossers in der Provinz Maluku dar, die in einer internationalen wissenschaftlichen Publikation dokumentiert wurde.“
Was der Quastenflosser über das Leben an Land verrät
Der Quastenflosser wurde zunächst anhand sehr alter Fossilien wissenschaftlich beschrieben. Jahrzehntelang nahm man an, dass die Gruppe vor rund 66 Millionen Jahren ausgestorben sei. Diese Annahme wurde 1938 widerlegt, als vor der Küste Südafrikas ein lebendes Exemplar entdeckt wurde.
Heute sind zwei Arten anerkannt:
| Art | Region | Auffällige Merkmale |
|---|---|---|
| Latimeria chalumnae | Westlicher Indischer Ozean (Komoren, Südafrika) | Seltene Populationen, die mit tiefen vulkanischen Hängen verbunden sind |
| Latimeria menadoensis | Indonesien (Sulawesi, Molukken und Umgebung) | Bläulich-braune Färbung, noch deutlich seltenere Nachweise |
Das auf den Molukken dokumentierte Tier gehört zur indonesischen Art Latimeria menadoensis. Es ist etwa 1,10 Meter lang, hat einen massigen Körper und Flossen, die auf den ersten Blick an kleine muskulöse „Arme“ erinnern.
Diese gegliederten, fleischigen Lappenflossen sind ein wesentlicher Grund für das wissenschaftliche Interesse. Sie helfen dabei nachzuvollziehen, wie bestimmte Fleischflosser im Lauf von Millionen Jahren zu den ersten Wirbeltieren führten, die an Land gingen.
Ebenfalls bemerkenswert ist der Rest einer alten inneren „Lunge“, die nicht aktiv ist, aber weiterhin vorhanden bleibt. Auch der in zwei bewegliche Teile gegliederte Schädel beschäftigt Forschende, da diese Konstruktion unter heutigen Fischen selten ist.
„Der Quastenflosser ist ein Fenster in eine ferne Vergangenheit, aber kein in der Zeit eingefrorenes Relikt: Er hat sich weiterentwickelt, nur in einem sehr langsamen Tempo.“
Ein weniger „träges“ Verhalten als angenommen
Frühere Berichte schilderten den Quastenflosser als ausgesprochen zurückhaltendes Tier, das den Tag in Höhlen verbringt und nur selten zur Jagd herauskommt. Die neue Beobachtung widerspricht diesem Bild zumindest teilweise.
Der indonesische Fisch wurde im offenen Wasser nahe eines felsigen Vorsprungs gesichtet, mit ausgebreiteten Flossen und ruhigen Bewegungen, ohne Fluchtverhalten zu zeigen. Das deutet auf eine grössere Flexibilität bei der Nutzung seines Lebensraums hin als bisher vermutet.
Nach Einschätzung der Forschenden könnte diese Nuance bedeuten, dass das Tier nicht ausschliesslich auf Spalten und Höhlen angewiesen ist. Möglicherweise wechselt es zwischen geschützten Bereichen und stärker exponierten Zonen – abhängig von Strömung, Temperatur oder der Verfügbarkeit von Beute.
Ein unauffälliger Lebensraum unter starkem Druck
Quastenflosser leben gewöhnlich in Tiefen zwischen 100 und 400 Metern an Hanglagen, in denen kaum noch Sonnenlicht ankommt. Dieser Bereich wird oft als „Dämmerzone“ der Ozeane bezeichnet.
Die Entfernung zur Wasseroberfläche bedeutet jedoch nicht automatisch Sicherheit. Mehrere Faktoren bedrohen diese langsam lebende und verletzliche Art:
- Plastikverschmutzung, die absinkt und sich in tiefen Senken ansammelt.
- Die Erwärmung des Wassers, die Strömungen und Temperaturbereiche verändern kann, in denen der Fisch überlebt.
- Schiffslärm und Sonare, die das Leben von Tiefseeorganismen beeinträchtigen.
- Projekte für Extremtourismus mit ultratiefen Tauchgängen auf der Suche nach „exotischen Attraktionen“.
Die Internationale Union zur Bewahrung der Natur stuft die indonesische Art als gefährdet ein. Die Lebensweise des Quastenflossers verschärft das Risiko: Er wächst langsam, erreicht die Geschlechtsreife mit ungefähr 55 Jahren und seine Trächtigkeit kann sich über etwa fünf Jahre erstrecken.
„Ein einzelnes Individuum kann mehr als ein Jahrhundert leben, weshalb jeder Verlust für die Population eine schwer heilende Wunde bedeutet.“
Die Beobachtung auf den Molukken belegt noch nicht, dass dort eine grosse, dauerhaft etablierte Population lebt. Sie zeigt jedoch, dass geeignete Umweltbedingungen vorhanden sind. Zwischen Sulawesi und Westpapua gibt es weiterhin ausgedehnte Tiefseegebiete ohne detaillierte Kartierung.
Nächste Schritte: Forschung ohne Fang und ohne Verletzungen
Das an der Entdeckung beteiligte Team spricht sich dafür aus, künftige Untersuchungen mit nicht invasiven Methoden durchzuführen. Eine vielversprechende Methode ist die sogenannte eDNA beziehungsweise Umwelt-DNA: Wasserproben werden gefiltert, um genetische Spuren aus Kot, Schleim oder Hautfragmenten aufzuspüren.
Mit diesem Ansatz können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler:
- das Vorkommen von Quastenflossern in verschiedenen tiefen Buchten feststellen;
- die genetische Vielfalt zwischen indonesischen Regionen vergleichen;
- mögliche Wanderrouten zwischen Hangbereichen erkennen;
- spezifische Schutzzonen vorschlagen, die mit entscheidenden Bereichen im Leben der Tiere verknüpft sind.
Dieser Paradigmenwechsel reagiert auf eine wiederkehrende Sorge: Seltene Arten sollen erforscht werden, ohne sie einzufangen, ohne Netze und ohne tote Museumsexemplare. Beim Quastenflosser ist jedes lebende Tier wertvoller als jedes Präparat in Formalin.
Was dieses „lebende Fossil“ noch lehren kann
Die Bezeichnung „lebendes Fossil“ wird von Biologinnen und Biologen häufig kritisiert. Sie vermittelt den Eindruck, das Tier sei in der Zeit stehen geblieben, was seiner tatsächlichen Evolutionsgeschichte nicht entspricht. Der Quastenflosser hat sich verändert, wenn auch langsam, und sich an die Tiefseeumgebung angepasst, die er heute bewohnt.
Für alle, die Wissenschaft und Naturschutz verfolgen, veranschaulicht dieser Fall mehrere Konzepte:
- Langsame Evolution: Arten können sich in sehr unterschiedlichem Tempo verändern, ohne deshalb aufzuhören, sich zu entwickeln.
- Dämmerzone: Ein lichtarmer Meeresbereich, in dem komplexes Leben existiert, der aber kaum direkt beobachtet wird.
- Arten mit langer Lebensgeschichte: Tiere, die Jahrzehnte bis zur Fortpflanzung benötigen, reagieren äusserst empfindlich auf jede zusätzliche Sterblichkeit.
Eine anschauliche Vorstellung des Effekts: Man denke an eine kleine Population, deren Individuen mehr als ein halbes Jahrhundert brauchen, um Nachwuchs zu zeugen, und deren Trächtigkeiten Jahre dauern. Wenn ein einziger Fischereiunfall einige erwachsene Tiere tötet, kann es ganze Generationen dauern, bis diese demografische „Lücke“ ausgeglichen ist.
Andererseits eröffnet die Entdeckung weiterer Gebiete mit geeignetem Lebensraum ein strategisches Zeitfenster. Je früher diese Zonen kartiert und in Meeresmanagementpläne aufgenommen werden, desto geringer sind spätere Konflikte mit Tiefseefischerei, Unterwasserbergbau oder Schifffahrtsrouten.
Letztlich erinnert das Bild eines ruhig an den Hängen der Molukken schwebenden Quastenflossers auf unbequeme Weise daran: Der Planet beherbergt noch Tiere, die Massenaussterben überlebt haben, aber der Kombination aus Plastik, Lärm, Hitze und ungebremster menschlicher Neugier möglicherweise nicht standhalten.






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